Jesus ein Dildo? "Paradies: Glaube" von Ulrich Seidl in Venedig

Am Anfang steht die Selbstgeißelung, am Ende hat die Person die Rute, mit der sie sich selbst auspeitscht, gegen jemand anderen gerichtet. Dazwischen wird gebetet und gekämpft, begehrt und bekehrt, in Versuchung geführt und gefoltert. Nachdem „Paradies: Liebe“ bereits in Cannes aufgeführt wurde, hatte Ulrich Seidls „Paradies: Glaube“, der zweite Teil dieser Trilogie, nun beim Filmfestival von Venedig Premiere. Es gibt kaum einen passenderen Ort … Jesus ein Dildo? "Paradies: Glaube" von Ulrich Seidl in Venedig weiterlesen

"The Iceman": Nicht Held, nicht Unmensch

Um neun Uhr morgens hat man uns in Venedig heute einen brutalen Killer-Thriller gezeigt: „The Iceman“ von Ariel Vromen handelt von Richie Kuklinski, einem Auftragskiller, der lange Jahre ein Doppelleben führte: Für die Mafia tötete er über 100 Menschen, während er daheim den liebenden Familienvater spielte. Diese wahre Geschichte ist Grundlage für den Film, der mit Michael Shannon in der Rolle von Kuklinski, Winona Ryder … "The Iceman": Nicht Held, nicht Unmensch weiterlesen

Mira Nair in Venedig: Auch Komplexes ist banal

Selten hat man die Bewältigung des Post-9/11-Traumas in unseren Breiten aus einer anderen Sicht als der westlichen diskutiert; der Schmerz, der den Amerikanern damals inmitten ihres Finanzzentrums zugefügt wurde, hatte permanente Terrorangst, verschärfte Ausländergesetze, Kriege und Xenophobie zur Folge. Wer eine dünklere Hautfarbe hatte und einen schwarzen Bart trug, war in diesem hoch nervösen Amerika schon a priori verdächtig. „The Reluctant Fundamentalist“ mit Riz Ahmed … Mira Nair in Venedig: Auch Komplexes ist banal weiterlesen

Der Rost, der bleibt – Der Lido vor dem 69. Festival

Man soll nur ja nicht glauben, dass es Ausnahmen von der Regel gibt. Zumindest nicht in Italien. Denn da galt schon immer das Prinzip „Außen Hui, innen pfui“ – Wer eine umfassende Fassaden-Renovierung bestellt hatte, bekam nicht selten eine einfach überpinselte Mauer. Sieht ja auch ganz nett aus, zumindest für kurze Zeit. Auch am Lido von Venedig gilt dieses Motto. Denn hier, auf der Venedig … Der Rost, der bleibt – Der Lido vor dem 69. Festival weiterlesen

"360" von Fernando Meirelles: Konstruierte Dramolett-Romantik

TOP Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt und geht von einem zum andern: Arthur Schnitzler hat diesen Liebes-Zirkel in seinem „Reigen“ beschrieben, Fernando Meirelles („City of God“) nimmt nun, nach dem Drehbuch des in Wien lebenden Peter Morgan („The Queen“), Anleihen bei Schnitzlers Struktur des kreisrunden Erzählens: Seine Geschichte über neun Menschen, die sich mal mehr, mal weniger intensiv aus bestehenden Beziehungen in … "360" von Fernando Meirelles: Konstruierte Dramolett-Romantik weiterlesen

Interview: Fernando Meirelles über "360"

Matthias Greuling im Gespräch mit Fernando Meirelles über seinen Film „360“, seine auch in Wien gedrehte lose Adaption von Schnitzlers „Reigen“ (Kinostart: 24.8.)  Fernando Meirelles und Matthias Greuling nach dem Interview in Wien  Matthias Greuling: Herr Meirelles, inwieweit ist „360“ nun doch eine Auseinandersetzung mit dem „Reigen“, obwohl Sie mehrfach betonten, der Film habe nichts mit Schnitzler zu tun? Fernando Meirelles: „360“ erzählt insgesamt … Interview: Fernando Meirelles über "360" weiterlesen

"Starbuck": Der Mann mit den 533 Kindern

 TOP Ein im Allgemeinen als normal bezeichnetes Leben läuft in etwa so: Geburt, Kindheit, Ausbildung, ein mehr oder weniger erfüllender Job, eine mehr oder weniger erfüllende Beziehung, ein oder zwei Kinder (auch für die Altersversorgung). Das war’s dann im Wesentlichen. Bei David (Patrick Huard) ist das alles ein bisschen anders: Seinen Job als Fleischlieferant in der Firma seines Vaters findet er höchst miserabel, und … "Starbuck": Der Mann mit den 533 Kindern weiterlesen

Glaubensfragen und coole Dandys – Locarno vergibt die Preise

Klar, dass jemand wie Apichatpong Weerasethakul diesen Film mochte: „La fille de nulle part“ von Jean-Claude Brisseau, der in Locarno nun den Goldenen Leoparden erhielt, ist nämlich ein bisschen die Absage an all die (religiösen) Glaubensfragen, die die Menschheit befassen, aber nicht ohne zugleich Raum genug für das Vorkommen scheinbar übersinnlicher Vorgänge zu bieten. Weerasethakul ist ja selbst einer dieser Filmemacher, die ihre Arbeiten als … Glaubensfragen und coole Dandys – Locarno vergibt die Preise weiterlesen

Ridley Scotts "Prometheus": Im Zustand unwohler Erregung

TOP Ridley Scott hat das Science-Fiction-Genre für „Prometheus“ nicht neu erfunden. Er hat sich, was die filmische Ausgestaltung betrifft, bei vielen anderen Inspirationsquellen bedient, manchmal sogar bei sich selbst, denn schließlich ist Scott der Schöpfer von „Alien“ und „Blade Runner“, zwei Meilensteinen des Genres. Bemerkenswert an „Prometheus“ aber ist, dass Scott einen durchaus neuen Zugang zu seiner Geschichte wählt. Bei ihm stehen die Figuren im … Ridley Scotts "Prometheus": Im Zustand unwohler Erregung weiterlesen

Kotzen, Koksen, Koitus – Halbzeit beim Filmfestival in Locarno

In Locarno ist Halbzeit beim Festival, und vieles, was man hier bisher sehen konnte, widerspiegelt Festivalchef Olivier Pères Konzept von der spagathaften Auseinandersetzung mit Filmen. Da sind auf der einen Seite die künstlerisch hochwertigen Produktionen aus dem Wettbewerb, auf der anderen Seite die publikumsträchtigeren Arthaus-Filme, die auf der Piazza Grande laufen – wenn letztere auch wegen der heftigen Regengüsse der vergangenen Tage wohl viel weniger … Kotzen, Koksen, Koitus – Halbzeit beim Filmfestival in Locarno weiterlesen