Im neuen Film des Regisseurs, „Asteroid City“ (ab 16. Juni im Kino), gibt es alles und noch mehr.
Willkommen in einer Wüsten-Attraktion! Bei Wes Anderson ist das Kino noch immer die Jahrmarktattraktion, als die es vor über 125 Jahren begann. Anderson ist ein Meister des Schrägen, er vereint Satire und Wortwitz, Starbesetzung und Humor zu einem Kinokonglomerat der Sonderklasse, das man mögen kann, aber nicht muss. Es gibt ungefähr genauso viele Wes-Anderson-Afficionados wie Zuschauer, die mit diesem Kino nur wenig anzufangen wissen.

Andersons neues Werk „Asteroid City“ ist eindeutig für seine Anhängerschaft gemacht. Das Setting entführt mitten in die Wüste im Südwesten der USA, wo die fiktive Stadt Asteroid City liegt. Sie heißt so, weil dort einmal ein Asteroid eingeschlagen und einen Krater geformt hat. Die Handlung spielt 1955, die Stadt ist Gastgeber für die Junior Stargazer Convention. Soldaten, Wissenschaftler und Eltern aus dem ganzen Land kommen zusammen, um die spektakulären Erfindungen begabter Schüler zu entdecken. Als Augie Steenbeck (Jason Schwartzman) die Schauspielerin Midge Campbell (Scarlett Johansson) kennenlernt, stören Außerirdische die Party. Und auch sonst regiert das Chaos. Da zünden mitten in der Wüste Atombomben, da brechen Vater-Sohn-Konflikte offen hervor, da finden all diese Vorkommnisse zugleich auch in einem New Yorker TV-Studio statt, inszeniert als Fernsehshow, mit den gleichen Schauspielern wie in der Wüste. Typisch Wes Anderson eben. Da sind Absurditäten ganz normal. Symmetrische Einstellungen, pastellfarbene Fotografien und minimalistische Darbietungen der Schauspieler – die Handschrift des texanischen Regisseurs ist schon bei den ersten Aufnahmen von „Asteroid City“ zu spüren.

Das Drehbuch verfasste Anderson gemeinsam mit Roman Coppola. „Wir schrieben den Film während der wirklich intensiven Zeit der Covid-Pandemie“, sagt Anderson. „Das Schreiben der improvisatorischste Teil des ganzen Prozesses. Es ist der Moment, in dem man absolut nichts hat und man beginnt, eine Welt von Grund auf neu zu erschaffen“.
Diese Welt ist bei Anderson ein farbintensiver Wüstentrip, der fantastisch aussieht, im wahrsten Sinn des Wortes. „Bei einem Film wie ‚Asteroid City‘ gibt es so viele Dinge, die wir in der Postproduktion hätten machen können, aber wir haben sie stattdessen in Spanien am Set gemacht“, sagt Anderson. „Ich fühle mich besonders zu den alten Techniken des Filmemachens hingezogen. Wir haben auf Green Screens verzichtet, drehten auf Film. Die Art und Weise, wie ich arbeite, ähnelt wahrscheinlich mehr der Art und Weise, wie ein Film 1930 gedreht wurde, als einer modernen Arbeitsweise“, sagt Anderson.
Das betrifft im Übrigen nicht nur die technischen Aspekte, sondern auch den Cast. Der ist so starüberladen wie die Filme der goldenen 30er Jahre. Neben Scarlett Johansson und Jason Schwartzman sind Tom Hanks, Margot Robbie, Tilda Swinton, Ed Norton, Adrien Brody, Steve Carell, Maya Hawke, Bryan Cranston und Jeff Goldblum zu sehen. „Am Set bei Wes Anderson gibt es keine Hierarchien“; verrät Scarlett Johansson. „Die fehlende Hierarchie im Ensemble, die Wes schafft, in Kombination mit dem Niveau der Erzählung, macht die Arbeit zu einem solchen Vergnügen. Man hat das Gefühl, dass kein Druck auf einem lastet, weil sich die Welt um einen herum so reibungslos bewegt“. Johansson vergleicht die Erfahrung mit der Vorbereitung auf eine Theateraufführung. „Man ist mittendrin. Die ganze Umgebung wird erschaffen. Es ist ein physischer, greifbarer, benutzbarer Raum“ sagte sie. „Das ist sehr erfüllend“. Für Anderson ist das auch Mittel zum Zweck, wenn er am Set eine für alle angenehme Atmosphäre schafft: „Ein großer Teil des Films kommt daher, dass ich es einfach mag, mit Schauspielern zusammen zu sein“, sagt Anderson. „Für mich fühlt es sich richtig an, das in einem großen Ensemble zu erarbeiten“.
Auch die anderen Schauspieler streuen ihrem Regisseur Rosen: Jason Schwartzman sagt, Anderson sei „die erste Person, die nicht zu meiner Familie gehörte, die mir tatsächlich eine Frage gestellt hat und sich dafür interessierte, was ich sagt. Da war ich 17. Dieses Gefühl ist der Grund, warum wir alle hier sind. Er ist neugierig und er sieht Dinge in uns, die wir manchmal nicht sehen. Er macht es sich nie bequem.“
Auch Bryan Cranston sieht das so: „‚Asteroid City’ ist ein Film über eine Fernsehshow, die ein Stück Theater macht, und das ist Wes‘ Liebesbrief an die Performance-Kunst. Es fühlt sich an, als wäre Wes Anderson der Dirigent eines Orchesters und als würden wir alle ein Instrument spielen“.
Matthias Greuling
