Venedig: Die Filme

Welche Geschütze Pablo Larrain, Roman Polanski, Yorgos Lanthimos, Richard Linklater und Co. auffahren: Die bislang wichtigsten Filme aus Venedig im Check.

Von Matthias Greuling

El Conde

Pablo Larrains neuer Film eröffnete das Absurditätenkabinett des 80. Filmfestivals von Venedig – denn darin gab es gleich zu Beginn des Festivals einen Ausflug in eine Art Paralleluniversum, in dem der chilenische Diktator Augusto Pinochet (Jaime Vadell) nicht 2006 verstorben ist, wie das in der realen Welt geschehen ist. Stattdessen fristet er ein ewiges Dasein als Vampir, der sich bereits seit 250 Jahren von Blut ernährt. Damit soll jetzt Schluss sein, findet der Diktator mit den spitzen Zähnen. Die Welt soll sich an ihn nicht nur als Mörder erinnern. Larrains von Netflix produzierte Farce seziert nicht nur das Vampirfilm-Genre, sondern politisiert es auch. Mit viel Herzblut (sic!) gemacht, aber am Ende nicht ganz so originell wie gedacht.

El Conde. Jaime Vadell in El Conde. Cr. Pablo Larrain / Netflix © 2023

Ferrari

Michael Manns Bio-Pic über den Rennfahrer und Autobauer Enzo Ferrari gefiel vor allem wegen der tollen Sportwagen, und auch Adam Driver macht in der Hauptrolle eine gute Figur. Die Handlung setzt 1957 ein, als das Unternehmen, das Enzo Ferrari und seine Frau Laura (Penélope Cruz) aufgebaut haben, schon wieder kurz vor der Pleite steht. Auch die Ehe der beiden steht vor dem Aus, der gemeinsame Sohn ist verstorben. In dieser Situation will Enzo mit seinem Team an der berüchtigten Mille Miglia teilnehmen, ein Rennen quer durch Italien, bei dem am Ende 12 Fahrer den Tod fanden. Michael Mann inszeniert mit 80 Jahren einen rasanten Rennfilm mit viel Action und dem typischen Ferrari-Sound. 

Mads Mikkelsen in Venedig. Foto: Katharina Sartena

Bastarden

Eine Art dänischer Western, basierend auf dem Bestseller „The Captain and Ann Barbara“ von Ida Jessen, der 1755 während der Regentschaft von König Frederick V. spielt: Mads Mikkelsen verkörpert hier den Soldaten Ludvig von Kahlen, der seinen Traum vom damals noch weithin unbekannten Kartoffel-Anbau verwirklichen will. Ein fieser Adeliger verunmöglicht ihm den Anbau auf einem Stück Land, das er für sich reklamiert. Die Situation zwischen den beiden Widersachern eskaliert bald und äußert sich in ziemlich brutalen Folterpraktiken und einem dann doch etwas zu rachedurstigen Finale. Mads Mikkelsen präsentiert sich allerdings in Höchstform.

Emma Stone in POOR THINGS. Photo by Yorgos Lanthimos. Courtesy of Searchlight Pictures. © 2023 20th Century Studios All Rights Reserved.

Poor Things

Der bisher vielleicht beste Film der diesjährigen Mostra del Cinema kommt vom Griechen Yorgos Lanthimos. Der Wissenschaftler Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe) montiert Gänseköpfe auf Hundekörpern und ist auch bei Menschen innovationsfreudig: So hat er die in den Tod gesprungene, schwangere Bella Baxter (Emma Stone) zurück ins Leben geholt, indem er ihr Gehirn durch das ihres ungeborenen Kindes ersetzt hat. Das Ergebnis ist eine erwachsene Frau mit Baby-Manieren, die schließlich den Gelüsten des Anwalts Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) anheim fällt. Das ist nicht nur ultrakomisch und skurril, sondern stellt auch die Frage, was Wissenschaft eigentlich darf. So stilsicher, wie Lanthimos diesen Trip inszeniert, ist ihm ein Preis gewiss. Und für Emma Stone kann es am Ende nur der Oscar werden. Ein grandioser Film!

Yorgos Lanthimos in Venedig. Foto: Katharina Sartena

Menu plaisiers – Les Troisgros

Dokumentarfilmer Frederick Wiseman ist auch mit 93 noch nicht in Rente und widmet sich in seiner neuen 4-Stunden-Doku dem französischen Restaurant La Maison Troisgros, das seit 50 Jahren drei Michelin-Sterne hält. Die außergewöhnliche Qualität der Speisen wird durch ein penibles Management und exakte Vorbereitung bei Einkauf, Verarbeitung, Lagerung, Zubereitung und Präsentation erreicht. Wiseman taucht tief ein in die Welt der Spitzengastronomie, und das auf seine ganz eigene, wissbegierige und ausufernde Art. Ein Film, in dem man schwelgen kann, auch wenn Wisemans Bilder stets nüchtern und sachlich bleiben. Der Appetit kommt trotzdem. 

Matthias Greuling (links) mit Frederick Wiseman beim celluloid-Interview in Venedig. Foto: Katharina Sartena

Hit-Man

Mit „Hit-Man“ legt Richard Linklater eine unglaublich spaßige, rasante und fulminante Thriller-Komödie vor, die zum Crowdpleaser des Jahres werden könnte. Gary Johnson (Glen Powell) lehrt eigentlich Psychologie an der Uni, aber nebenbei verdient er sich als Fake-Hitman bei der Polizei etwas dazu. Und das geht so: Die Mordfantasien diverser Ehemänner und -frauen soll Gary in die Tat umsetzen, und sobald beim ersten Treffen das Honorar dafür fließt, klicken die Handschellen. Blöd nur, dass Gary sich in die verzweifelte Madison (Adria Ariona) verliebt, die bei ihm den Mord an ihrem Ehemann in Auftrag geben will. Er kann sie vor der Verhaftung schützen, was allerdings eine Reihe von Ereignissen in Gang setzt. Linklaters Geniestreich ist kultiger als Tarantino, eloquenter als Woody Allen und setzt dabei auf echte Leidenschaft. Gebt diesem Mann endlich seinen Oscar!

„Hit Man“ von Richard Linklater. Foto: La Biennale di Venezia

Maestro 

Der 28-jährige Komponist Leonard Bernstein (Bradley Cooper) lernt Felicia Montealegre (Carey Mulligan) auf einer Party kennen. Die Frau verzaubert ihn, aber Bernstein hat ein Geheimnis: Erst nach der Hochzeit findet Felicia heraus, dass ihr Mann homosexuell ist. Das Geheimnis behält sie für sich, die Karriere, aber auch die Familie sollen geschützt werden. Der Auftakt des Films ist überaus fulminant, was danach kommt, verliert sich allerdings etwas in Bio-Pic-Routine. Bradley Cooper in der Hauptrolle sorgte wegen der „Jewfacing“-Debatte um seine Make-Up-Nase für Aufsehen, seine neue Regiearbeit „Maestro“ erreicht aber nicht die überraschende Wucht seines Erstlings „A Star Is Born“.

The Caine Mutiny Court-Martial

William Friedkins letzter Film (der Regisseur starb erst vergangenen August) ist ein streng kadrierter und akribisch umgesetzter Gerichtsfilm. Es geht um einen Kapitän der US-Marine (Kiefer Sutherland), dem man geistige Labilität vorwirft, und den sein erster Offizier deshalb des Amtes enthebt. Dafür kommt der Offizier wegen Meuterei vor ein Militärgericht. Dort wird debattiert, wie es zu der Situation gekommen ist. Was abstrakt beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einem spannenden Courtroom-Drama, das dank erstklassiger Schauspieler und Friedkins entschiedener Regie zu fesseln vermag.

The Palace

Ein Luxushotel in den Schweizer Alpen, am Silversterabend 1999. Die Welt erwartet den globalen Y2K-Shutdown, und weil das so bedrohlich ist, will man in diesem Hotel noch einmal alles geben, um die illustre und reiche Kundschaft zufrieden in den Weltuntergang zu entlassen. Der Hotelmanager Hansueli (Oliver Masucci) hat alles unter Kontrolle – denkt er. Doch dann passieren die großen Katastrophen des Abends – von stinkendem Hundekot in Fanny Ardants Bett über das zu frühe Ableben eines Milliardärs (John Cleese) bis zum Betrugsversuch durch einen Star-Investor (Mickey Rourke). Roman Polanskis Boulevard-Schwank „The Palace“ ist ein spätes Aufzeigen des 90-jährigen Regisseurs, das allerdings ziemlich in die Hose geht. Die Pointen sitzen, aber das Script von Polanski und Jerzy Skolimowski oszilliert zwischen hanebüchenem Altherren-Humor und Fremdschäm-Gags. 

Trailer „The Palace“ von Roman Polanski.

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