Im Kino: Versionen von Wahrheit

Justine Triet verhandelt in ihrem Cannes-Gewinnerfilm „Anatomie eines Falls“ die Frage, was Wahrheit und Realität eigentlich miteinander zu tun haben.

Von Matthias Greuling

Als die Autorin Sandra (Sandra Hüller) in ihrer abgeschiedenen Berghütte in den französischen Alpen eine junge Journalistin empfängt, um mit ihr über ihre Arbeit zu sprechen, macht sich Sandras Ehemann mit lauter Musik im Obergeschoss bemerkbar, die so penetrant ist, dass Sandra das Interview abbricht. Die Journalistin geht und Sandra legt sich zu Bett. Ihr sehbehinderter Sohn geht mit dem Familienhund Gassi – und als dieser zurückkehrt, liegt Sandras Ehemann blutüberströmt im Schnee vor dem Chalet – alles sieht so aus, als wäre er beim Arbeiten aus dem zweiten Stock gestürzt. Aber was ist wirklich passiert?
Eine Frage, die die Regisseurin Justine Triet in „Anatomie eines Falls“ zu erörtern sucht. Der Film gewann heuer im Mai die Goldene Palme in Cannes, was für manche überraschend kam; jedoch ist das Gerichtsdrama ein Musterbeispiel für das perfekte Zusammenspiel von Drehbuch, Regie und Besetzung. Die Frage, die bald auftaucht, lautet: Ist Sandra in Wahrheit die Mörderin ihres Ehemanns? Ein Jahr später beginnt der Prozess gegen sie, bei dem auch ihr eigener Sohn aussagen soll. Er ist Zeuge und gleichzeitig wohnt er unter einem Dach mit der Angeklagten – kann das gutgehen? „Anatomie eines Falls“ arbeitet die komplexe Situation unter den Figuren mit einer messerscharfen Präzision heraus, dass der Stoff durchaus als Lehr-Inhalt auf einer Filmschule dienen könnte. 

Das sehbehinderte Kind der Protagonistin soll bei der Klärung des Todesfalls helfen. Foto: Panda Film

Triet ist sich ihrer Sache sehr sicher, wenngleich sie das Publikum darüber im Unklaren lässt, wie ihre Protagonistin wirklich tickt. Denn die gefeierte Autorin, die nun vor Gericht steht, ist als Sympathiefigur nur bedingt tauglich. Dafür sorgen nicht nur die Ungereimtheiten ihrer Version der Ereignisse, sondern auch ein Streit, der auf einem USB-Stick von ihrem Ehemann am Vortag seines Todes aufgezeichnet wurde und der so manch anderes Schlaglicht auf den Fall wirft. Zugleich ist ihr Sohn, der sein Augenlicht durch einen Unfall verlor, immer wieder auch das Zentrum von heiklen Wendungen im Fall, was die Sichtweisen auf die Protagonisten wieder und wieder umwirft. 

Als klassischer Gerichtsfilm ist „Anatomie eines Falls“ spannend wie ein Hitchcock-Thriller, zugleich fehlt es ihm an jeglichem Schockmoment; in Wahrheit verhandelt der Film die hinter einer selten gelüfteten Fassade liegenden Fragen nach Wahrheit und Realität. Autorin Sandra schöpft für ihre Bücher stets aus persönlichen Erlebnissen, gerade aus dem Bereich ihrer eigenen Familie, weist aber auch darauf hin, dass es nicht nötig ist, die Dinge, über die man schreibt, auch tatsächlich erlebt oder erfahren zu haben. Es ist also ein Konstrukt von Realität, das sich hier auf der literarischen Ebene auftut – trifft dies aber auch auf die Realität im gegenständlichen Fall zu? Und was wird eigentlich vor Gericht verhandelt? Die Wahrheit, oder nur eine Version davon? Dass die Wahrheitsfindung nicht die primäre Motivation im Prozessverlauf ist, stellt viele Gerichtsentscheidungen in Frage: Wer sich am besten verkauft, macht hier die meisten Meter. Gerade an diesen Stellen ist „Anatomie eine Falls“ besonders stark und in der dialogischen Ausführung und der schauspielerischen Umsetzung unglaublich präzise; überhaupt beim aufgenommenen Streit zwischen den Eheleuten ist das Dialogfeuerwerk wie ein Stakkato aus unglaublich realistischen Wortfetzen, vorgetragen in einer vergifteten Atmosphäre aus Lebensfrust und Ehe-Problemen, was das Ensemble mit großer Energie auf den Boden bringt. Das Drehbuch und die Besetzung haben an der Cannes-Palme mindestens ebenso viel Anteil wie die kühle, analytische und oftmals dokumentarische Regie von Justine Triet, die sich auf keine emotionale Wertung der Ereignisse einlässt. Es ist ein großer Film über eine große Frage: Kann es eine Realität geben? Und wer definiert sie? Die Antwort gibt der Film am Ende durchaus mit Überzeugung: Niemand kann alle Dimensionen einer Wahrheit wirklich erfassen.

Ab 3. November im Kino

Anatomie eines Falls, F 2023. Regie: Justine Triet. Mit Sandra Hüller, Samuel Theis, Milo Machado Graner. 151 Min. Verleih: Panda Film

Trailer

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