Wenn der Wind sich dreht!

Tom Tykwer ist mit seinem neuen Berlinale-Eröffnungs-Film unterwegs auf den Spuren von „Mary Poppins“.

Zu lang, zu kurz, zu anspruchsvoll, zu inhaltsleer, zu traurig, zu lustig und so weiter und so fort. Eröffnungsfilme von großen Festivals haben es in der Regel sehr schwer. Werden mit unschöner Regelmäßigkeit verrissen. Auch beim neuen Kinofilm von Tom Tykwer (dem ersten seit „Ein Hologramm für den König“ von 2026) wird es wieder etliche Meckerer geben. ABER: Am besten gar nichts darauf geben, sondern sich selbst eine Meinung bilden, wenn der Film ab dem 20.3./21.3. in Deutschland und Österreich in die Kinos kommt. Wer es nicht tut, verpasst etwas!

Tykwer, der in den letzten Jahren eifrig an einer der besten Serien aller Zeiten „Babylon Berlin“ leitend mitgearbeitet hat, macht das, was so häufig von Filmemachern verlangt wird: Sich wegbewegen vom sicheren Terrain und etwas wagen!  Zwar meint der Regisseur, dass dies sein „berlinischster“ Film überhaupt sei. Aber davon ist zum Glück kaum etwas zu spüren. Das handelnde Personal findet man genauso gut in Wien oder in Leipzig. Denn auch dort findet man die Mittelklasse-Familie, der die Sonne aus dem Allerwertesten scheint, wenn sie denn bloß mal bemerken würde!

„Das Licht“ von Tom Tykwer. Foto: X-Filme

Die Geschichte – keine Angst vor der Länge von 160 Minuten, der Film hat nur ganz wenig Leerlauf – beginnt mit Farrah (Tala al Deen spielt unfassbar gut!). Die syrische Migrantin, die schon seit fünf Jahren in Berlin lebt, hat in ihrer Unterkunft eine ganz spezielle Lampe. Wann immer sie jemanden davor setzt, hat dieser Mensch im Anschluss einen Erkenntnisgewinn und man fühlt sich besser. Das muss/darf/kann auch bald Familie Engels (Lars Eidinger und Nicolette Krebitz in gewohnt großer Spiellaune) erleben. Denn als eines Tages ein Sturm heranzieht – ja, da ist er, der „Mary-Poppins“-Moment – weiß Farrah, das sie jetzt handeln muss. Sie nimmt, da die alte Haushälterin nicht mehr da ist, deren Platz ein und – auch wieder eine Parallele zur legendären fliegenden Disney-Figur – beginnt, das Leben der Familie Engels besser zu machen. Der Vater schwafelt stets vom Gutmenschentum und wie man mit Werbung alles besser machen könnte, die Mutter kümmert sich eher um Hilfe für Projekte in Nairobi als um ihre Kinder. Die hingegen sind längst flügge und lassen sich entweder drogenvernebelt durch die Nächte treiben oder schaffen sich ihre Realitäten in der virtuellen Welt.

Tom Tykwer findet, wie in all seinen Projekten, einen spannenden Umgang für sein Thema. Das hier lautet „Nichts ist so beständig wie der Wandel“. Er erzählt voller Wucht und Dringlichkeit, überschreitet mehrfach lustvoll filmische Grenzen. Es wird magischer Realismus gefeiert, ohne dass es peinlich wird. Es gibt allerlei Tanz- und Gesangs-Szenen. Mal wird der Musik-Legende „Queen“ gehuldigt. Dann dürfen Lars Eidinger (der mal wieder blankziehen darf) und Nicolette Krebitz selber singen. Noch vor ein paar Jahren hätte die Kritik wohl gefragt, ob man das darf. Natürlich darf man das. Wenn es so stilsicher geschieht wie hier, auf jeden Fall.

Nur Kleinigkeiten könnte man bemängeln. Dass die Afrika-Passagen sehr viel Zeit brauchen (aber Tykwer hat nun mal eine besondere Beziehung zu Nairobi, wo der Film zu Teilen auch spielt). Dann sieht man den Twist des Films schon aus weiter Entfernung (aber vielleicht soll das auch so sein). Einige der Dialoge über Dinge, die dringend verändern werden müssen dieser Tage, klingen wie aus Aufrufen von „Fridays for Future (aber wahrscheinlich wollte sie der Regisseur auch so klingen lassen, damit sie jeder versteht.) 

Tom Tykwer ist auf jeden Fall ein Film gelungen, der hervorragend unterhält, der die dringendsten Probleme unserer Zeit zusammen. Und ob Farah am Ende weiterzieht wie…Sie wissen schon wer oder ob sie bleibt, die Auflösung gibt es im Kino.

Peter Beddies, Berlin

Hinterlasse einen Kommentar