In Cannes triumphiert Jafar Panahi und mit ihm die Gewissheit: Das Kino gibt all jenen eine Stimme, die sie bitter benötigen.
Von Matthias Greuling, Cannes
Wenn in Cannes der rote Teppich aufgerollt wird, rollt sich oft auch ein Stück Weltgeschichte aus – manchmal leise, manchmal mit Paukenschlag. Die Preisverleihung der 78. Filmfestspiele am heutigen Abend markierte so einen Moment: ein stilles, fast trotzendes Manifest künstlerischer Beharrlichkeit gegen politische Repression, gegen das Vergessen, gegen die Beliebigkeit.
Jafar Panahi: Eine Palme als poetische Gerechtigkeit
Der Hauptpreis, die Goldene Palme, ging an den iranischen Regisseur Jafar Panahi für seinen ebenso düsteren wie absurden Film It Was Just an Accident. Dass Panahi diesen Preis persönlich entgegennehmen konnte, grenzt an ein Wunder. Fünfzehn Jahre lang war ihm die Ausreise aus dem Iran untersagt, er wurde inhaftiert, unter Hausarrest gestellt – und doch filmte er weiter. Und wie.
It Was Just an Accident beginnt mit einem banalen Verkehrsunfall und führt in ein groteskes, fast kafkaeskes Panoptikum von Menschen, die alle ein Trauma teilen: den unsichtbaren Abdruck eines autoritären Regimes. Panahi selbst sagte auf der Pressekonferenz: „Wenn die Islamische Republik einen Künstler einsperrt, schenkt sie ihm Ideen.“ Eine Goldene Palme als Widerstandsgeste – das hat Cannes schon lange nicht mehr erlebt – obwohl Jury-Präsidentin Juliette Binoche ausdrücklich betonte, den Preis für die künstlerische Qualität verliehen zu haben, schwingt da natürlich der Umstand von Panahis Vergangenheit mit. Und verdientermaßen feierte das Festival einen Filmemacher, der sein Schweigen nie zum Verstummen werden ließ.
Binoches Jury erwies sich als ebenso klarsichtig wie mutig. Der Große Preis ging an Joachim Trier für Sentimental Value, ein berührendes Porträt innerfamiliärer Entfremdung – reduziert, unpathetisch und voller emotionaler Genauigkeit. Der Preis der Jury wurde zwischen dem spirituell aufgeladenen Sirât von Oliver Laxe und Mascha Schilinskis stilistisch radikalem Sound of Falling geteilt – eine diplomatische, aber keineswegs wankelmütige Entscheidung.

Kleber Mendonça Filho durfte sich gleich doppelt freuen: Für The Secret Agent gab es sowohl den Preis für die beste Regie als auch die Auszeichnung für den besten Darsteller, Wagner Moura, der in der Rolle eines zerrissenen Ermittlers brillierte. Schauspielerin des Jahres wurde Nadia Melliti für The Little Sister, eine feinfühlige Studie von Hafsia Herzi über weibliche Selbstermächtigung im patriarchalen Umfeld. Das beste Drehbuch – ein weiteres Mal – an die Dardenne-Brüder (Young Mothers), die wieder einmal beweisen, dass sie das soziale Gewissen Europas auf Film bannen können wie niemand sonst.
Die jungen Stimmen melden sich zu Wort
Der Spezialpreis der Jury ging an Bi Gan für Resurrection, ein filmisches Gedicht über Zeit und Erinnerung. Hasan Hadi erhielt die Caméra d’Or für The President’s Cake – ein Film, der nicht nur als erste irakische Produktion in Cannes auffiel, sondern auch mit seiner feinen Balance zwischen politischem Zorn und zärtlicher Melancholie beeindruckte.

Ein filmreifer Zwischenfall am Finaltag des Festivals sorgte kurzzeitig für Irritationen und Gerüchte: Am Vormittag um 10 Uhr kam es in Teilen von Cannes zu einem großflächigen Stromausfall – ausgerechnet am Tag der Preisverleihung. In der Stadt kursierten schnell Spekulationen über einen möglichen Sabotageakt, von einem „Akt gegen die Meinungsfreiheit“ war in einigen internationalen Medien gar die Rede. Doch das Festival bewies in diesem Moment Professionalität und Ruhe: Dank der hauseigenen Notstromgeneratoren im Palais des Festivals hätte der glamouröse Abend wie geplant über die Bühne gehen können. Ab dem späten Nachmittag war der Strom jedoch zurück. Die Lichter blieben an, die Kameras liefen – als hätte sich das Kino selbst gegen die Dunkelheit gewehrt.
