„Jay Kelly“ feiert Premiere in Venedig: Hauptdarsteller George Clooney erkrankte vor der Uraufführung schwer, raffte sich aber auf, um am Roten Teppich dabei sein zu können.
Von Matthias Greuling, Lido di Venezia
Auf dem roten Teppich am Lido war George Clooney am Ende dann doch zu sehen – obwohl er tagsüber sämtliche Presseauftritte wegen einer akuten Nebenhöhlenentzündung abgesagt hatte. Dass er kam, war ein Statement: Ein Star dieser Größenordnung weiß, was ein Ausbleiben für Schlagzeilen erzeugen würde. Also erschien Clooney, begleitet von Ehefrau Amal, im schwarzen Anzug vor dem Palazzo del Cinema – bei Regen, unter Schirmen, mit einem Lächeln, das man eher als Pflicht denn als Freude deuten musste.

In Noah Baumbachs neuem Film „Jay Kelly“ spielt Clooney einen Hollywoodstar, der mit der Last seines Ruhms ringt. Gemeinsam mit seinem Manager Ron (Adam Sandler) reist er durch Europa. Was vordergründig wie eine Werbetour aussieht, wird zum existenziellen Roadtrip: ein Mann, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere mit den Schattenseiten des Erfolgs konfrontiert wird. Baumbach und Co-Autorin Emily Mortimer haben daraus eine Mischung aus melancholischer Komödie und Charakterstudie gemacht. Die Fragen, die der Film stellt, sind keine kleinen: Was bleibt übrig von einem Leben im Rampenlicht, wenn die Kameras sich abwenden?
Clooneys Abwesenheit vom Festivalbetrieb

Noch vor wenigen Tagen hieß es, Clooney sei gesundheitlich angeschlagen. Eine Sinusitis zwang ihn dazu, sämtliche Interviews und ein Cast-Dinner abzusagen. Für das Marketing eines Films ist das heikel – gerade in Venedig, wo die großen Namen oft schon die halbe Schlagzeile sind. Dass der Hauptdarsteller fehlte, sorgte entsprechend für Irritationen. Regisseur Baumbach musste die Fragen der Journalisten allein beantworten und betonte dabei, Clooney sei schlicht krank, nicht aber im Rückzug.

Sein Erscheinen am Abend wirkte wie ein Versuch, die Balance zu halten zwischen gesundheitlicher Rücksicht und öffentlicher Erwartung. Clooney posierte geduldig, beantwortete keine Fragen, hielt das Lächeln, das längst Markenzeichen ist. Man hörte ihn sagen: „Sorry Guys, aber ich habe fast keine Stimme“. Das Lächeln blieb. Eine große Runde zu den Fans ließ er sich dennoch nicht nehmen. Geduldig Autogramme schreiben und Selfies machen. Aber man sah ihm an, dass es ihn Kraft kostete. Damit war sein Auftritt fast kongruent mit dem Film: Auch dort geht es um die Fassade eines Stars, der im Inneren Zweifel trägt.

Ein Film im Spiegel seiner Premiere
So wurde die Weltpremiere von „Jay Kelly“ ungewollt zur Verdoppelung: Auf der Leinwand ein Schauspieler, der mit der Last seines Ruhms hadert. Auf dem roten Teppich ein Weltstar, der sichtbar angeschlagen seine Rolle als Aushängeschild erfüllen musste. Für das Publikum war beides gleichermaßen erkennbar – und sorgte für einen Abend, der weniger Glanz verströmte als gewöhnlich, dafür aber umso mehr über die Bedingungen von Ruhm und Öffentlichkeit erzählte.
