Viel Glamour, aber auch Proteste: Am Lido von Venedig bildet das Filmfestival ungewollt auch eine Kulisse für politische Demonstrationen.
Von Matthias Greuling
Die 82. Filmfestspiele von Venedig laufen auf Hochtouren, doch der rote Teppich am Lido, der dieses Jahr besonders oft unter Regenwasser steht, ist nicht nur deshalb mitunter kein Sinnbild für Glamour. Parallel zu den Premieren formierten sich Demonstrationen, bei denen Aktivisten palästinensische Fahnen hissten und Slogans wie „Free Palestine“ und „Stop the Genocide“ riefen. Ziel ist es, das Festival auf die anhaltenden Kämpfe in Gaza aufmerksam zu machen.
Hinter den Protesten steht die Initiative Venice4Palestine, die von über 1.500 Filmschaffenden unterstützt wird. In einem offenen Brief fordern sie, das Leid in Gaza nicht länger zu ignorieren und eine klare Haltung gegen die humanitäre Katastrophe einzunehmen. Unter den Unterzeichnern sind sowohl bekannte italienische Regisseure als auch internationale Namen.
Die Festivalleitung zeigt Verständnis für die Betroffenheit, betont jedoch den Anspruch auf politische Neutralität. Direktor Alberto Barbera erklärte, das Festival sei ein Ort der Kunst, nicht der ideologischen Positionierung. Gleichzeitig finden sich im Programm Filme mit eindeutig politischem Schwerpunkt, darunter „The Voice of Hind Rajab“, der die Geschichte eines getöteten palästinensischen Mädchens erzählt.
Besondere Aufmerksamkeit zieht dabei der Name Gal Gadot auf sich. Die israelische Schauspielerin, international bekannt durch ihre Rolle als Wonder Woman, ist selbst nicht in Venedig anwesend. Dennoch wird sie von Aktivisten als Symbolfigur in die Debatte hineingezogen: Für die einen steht sie für die kulturelle Repräsentation Israels, für die anderen für eine problematische Nähe zur offiziellen Politik ihres Landes. Ihre bloße Abwesenheit erzeugt Schlagzeilen und Diskussionen, als wäre sie Teil der Festivaldramaturgie. So wird Gadot zur Projektionsfläche – ohne selbst am Ort des Geschehens beteiligt zu sein. Sie ist in einer Hauptrolle in Julian Schnabels neuem Film „In the Hand of Dante“ zu sehen, der hier kommende Woche gezeigt werden wird. Anders als zunächst gemeldet, hat sie ihre Teilnahme am Festival jedoch nicht abgesagt, sondern eine Reise nach Venedig sei überhaupt gar nie geplant gewesen, teilte sie mit.

Währenddessen tut sich die Jury schwer im Umgang mit den Spannungen. Präsident Alexander Payne räumte ein, auf Fragen zur Situation in Gaza „nicht vorbereitet“ gewesen zu sein. Damit bleibt der Eindruck zurück, dass das Festival zwar Kunst zelebriert, aber im Spannungsfeld von Politik und Krieg keine klare Stimme findet. Oder finden will, wie es Barbera ja betont hat. Wie auch immer: Das Festival wird derzeit jedenfalls ungewollt zur Bühne für eine Debatte, die weit über das Kino hinausweist.
