Saarbrücken: Leise Filme, große Fragen

Max Ophüls-Preis 2026: Saarbrücken steht wieder im Zeichen des Nachwuchsfilms – und doch fühlt sich diese Ophüls-Ausgabe anders an. Weniger Posen, weniger Gewissheiten, dafür umso mehr Nähe, Zweifel und offene Blicke auf die Gegenwart.

Saarbrücken ist in diesen Januartagen wieder ein Ort, an dem man Kino nicht nur sieht, sondern verhandelt. Zwischen CineStar, Festivalgesprächen und den abendlichen Diskussionen jenseits der Leinwand läuft das 47. Filmfestival Max Ophüls Preis auf Hochtouren – und schon nach den ersten Tagen zeichnet sich ab, dass diese Ausgabe weniger auf laute Gesten setzt als auf genaues Beobachten. Noch bis Sonntag füllt das Festival die Stadt mit Premieren, Debüts und Begegnungen, die zeigen wollen, wie sich Gegenwart erzählen lässt.

Auffällig ist, wie konsequent viele Filme in diesem Jahr Nähe suchen. Nähe zu Figuren, zu inneren Zuständen, zu Momenten, die nicht spektakulär sein müssen, um zu treffen. Programmchefin Theresa Winkler beschreibt das vor Ort als bewusste Entscheidung: Filme sollten nicht erklären, sondern erkunden. Es gehe darum, Situationen auszuhalten, Ambivalenzen sichtbar zu machen und das Publikum nicht mit fertigen Antworten zu entlassen, sondern mit offenen Fragen. Diese Haltung zieht sich spürbar durch das Programm – vom ersten Wettbewerbsfilm des Tages bis zu den nächtlichen Gesprächen im Foyer.

Sie sind die Stars des Eröffnungsfilms „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“: Luna Wedler und Karl Markovics. (Foto: Max Kullmann)

Schon der Eröffnungsfilm gibt dafür die Richtung vor. „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ mit Karl Markovics feiert hier seine Europapremiere und markiert einen Einstieg, der das Persönliche ernst nimmt, ohne es zu privatisieren. Das Spielfilmdebüt von Nicolas Steiner erzählt von Brüchen und Überforderung, von Figuren, die mit sich selbst ringen, und stellt sie dabei nicht aus, sondern begleitet sie. Dass der Film nicht nur im zentralen Festival-Kino, sondern parallel auch an anderen Orten im Saarland gezeigt wird, passt zum Selbstverständnis dieser Woche: Das Festival will kein abgeschlossener Raum sein, sondern in die Region hineinwirken.

In den laufenden Wettbewerben verdichtet sich dieser Eindruck. Viele der Filme, über die man nach den Vorstellungen spricht, kreisen um mentale Gesundheit, um Einsamkeit, um Arbeit und Identität – Themen, die längst Teil des Alltags sind, hier aber mit ungewöhnlicher Konsequenz filmisch durchdrungen werden. Statt großer Thesen dominieren subjektive Perspektiven, fragmentarische Erzählweisen, manchmal auch Brüche im Ton. Das Kino wirkt dabei weniger wie ein Ort der Behauptung als wie ein Raum des Zuhörens.

Auch das Verhältnis des Festivals zu seriellen Formaten ist in diesem Jahr bemerkenswert offen. Serien werden nicht als Nebenprodukt behandelt, sondern als eigenständige künstlerische Formen, die neue Erzählrhythmen ausprobieren. In den gezeigten Pilotfolgen und Episoden wird deutlich, wie sehr junge Teams gerade dort experimentieren, wo Dokumentarisches und Fiktionales ineinander greifen. Das Kino dehnt sich aus – nicht, um sich aufzulösen, sondern um neue Möglichkeiten zu testen.

Gleichzeitig vergisst das Festival nicht seine Stadt. Wenn ein neuer Saarbrücker „Tatort“ im Rahmen der Woche seine Kino-Premiere feiert, verschwimmen die Grenzen zwischen Fernsehöffentlichkeit, Lokalstolz und Festivalbetrieb. Auch das gehört zur besonderen Textur dieser Tage: Saarbrücken schaut sich selbst zu, ohne sich dabei wichtiger zu nehmen als nötig.

Noch ist das Festival nicht an seinem Ende angekommen, noch sind keine Preise vergeben, noch verändern Gespräche und Sichtungen täglich die Perspektive. Aber schon jetzt lässt sich sagen: Diese Ophüls-Ausgabe setzt auf eine dichte, konzentrierte Bewegung hin zum Fragenden. 

Matthias Greuling, Saarbrücken

Linktipp: Youtube-Channel des Filmfestivals Max Ophüls-Preis

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