„Rodeo“: Ein wilder Ritt bei illegalen Motorradrennen – eine junge Französin muss sich inmitten einer Macho-Truppe beweisen.
Von Matthias Greuling
Es spricht die blanke Wut aus ihr, der verzweifelte Drang nach Unabhängigkeit, eine in Temperament und Draufgängertum einmalige Verve: Julia (Julie Ledru) ist eine junge Französin, vielleicht von der Sorte, wie man sie kürzlich in den Pariser Vorstädten auf den Straßen gesehen hat; man hat Angst vor ihr, sie ist eine Bedrohung der Ordnung als solche; sie ist furchtlos und frech, wenn sie es wieder einmal darauf anlegt: Als Technikfreak interessiert sie sich für Motorräder, und bei den Testfahrten ausgesuchter Maschinen haut sie regelmäßig deren Besitzer übers Ohr: Sie heuchelt Interesse an den gebrauchten Maschinen und erbittet eine Testfahrt. Von der kehrt sie aber nie mehr zurück. Das Motorrad gehört nun ihr.

In „Rodeo“ von Lola Quivoron benutzt Julia, die Diebin, ihr Diebesgut für illegale Motorradrennen, die Regisseurin hat in den Film nicht nur persönliche Erfahrungen gepackt, sondern spitzt alles dramatisch zu: Freilich empfinden sich die zumeist männlichen Teilnehmer dieser illegalen Straßenrennen in die Ecke getrieben, wenn es ausgerechnet eine Frau ist, die sie auf der Strecke schlägt. Sie wird ihnen zur Gefahr, denn das „Business“ ist durch und durch männlich und voller Machismo. Julia kann sich nur beweisen, indem sie für den Anführer einer Motorradgang allerlei Betrügereien und Botengänge erledigt. Ihr Selbstbewusstsein wächst, die Kamera bekommt Flügel, wenn sie mit Julia über die Felder wetzt, im Geschwindigkeitsrausch, mit wallendem Haar.
Regisseurin Quivoron entwickelt in „Rodeo“ schrittweise das Porträt einer suchenden, rastlosen und aggressiven Gesellschaft: An den Rändern machen sich die drastischen Veränderungen als erstes bemerkbar, und auf Frankreichs Straßen kommen diese Veränderungen dann in Form von Gewalt und Exzess an. Insofern ist „Rodeo“ ein ziemlich aktueller Zeitkommentar zur Realität in einem Land, das den Rausch und das Lasterhafte mindestens ebenso gut kennt wie den Sinn für Gerechtigkeit und Freiheit.
Im Subtext von „Rodeo“ liegen sie alle eingeschrieben, die Probleme dieser Gesellschaft: Die Jugend, ungestüm und wild, vollführt hier illegale Stunts und liebt es, die Gesetze zu brechen. Julia reflektiert das Macho-Gehabe ihrer „Mitfahrer“ mit dem Einsatz von roher Gewalt. Die Wogen gehen hoch, höher, man kennt das nervöse Gefüge, bevor eine Bombe explodiert. Das ist in „Rodeo“ formschön eingefangen, aber nicht immer dramaturgisch sauber: Dann und wann gönnt die Regisseurin ihrer Hauptfigur allzu viel Auszeit und Reflexion, ehe sie sie zurückwirft in die Motorrad-Arena, wo wieder die Fäuste sprechen.
Adrenalin und Benzin sind die Hauptzutaten dieses Debütfilms aus Frankreich, der nahe am Puls der Zeit ist und jugendliche Subkulturen als beinharte Lebensrealitäten fern jeder sozialer Sicherheit einfängt. All die Protagonisten hier (hauptsächlich Laiendarsteller aus der Rodeo-Szene), sie stehen mit einem Bein felsenfest im Kriminal und haben kaum Perspektiven. Nicht immer hat Quivoron ihren Plot unter Kontrolle, lässt ihn manchmal auch ins Triviale gleiten und hanebüchen bekannte Action-Franchises zitieren. Aber dank dieser Julia, dieser ungestümen Hauptfigur, ist „Rodeo“ dennoch ein wilder Ritt, bei dem man vom Pferd fällt.
RODEO, F 2022. Regie: Lola Quivoron. Mit Julie Ledru, Yanis Lafki, Antonia Buresi. Länge: 106 Min. Verleih: Filmladen
AB 14.7.2023 im Kino
