„Mermaids Don’t Cry“: Ein Glücksfall von einem österreichischen Debütfilm, angesiedelt im fantasievollen Reich ersehnter Meerjungenfrauflossen. Ab 7. Juli 2023 im Kino.
Von Matthias Greuling

Es gibt Filme, die sind zu schön, um wahr zu sein. „Mermaids Don’t Cry“ von der 1987 in Wien geborenen Franziska Pflaum ist so ein Film. Und besonders weil er ein Debütfilm ist, fühlt sich das mit dem Schönen und dem Wahren nochmal um eine Ecke schöner an. Das Kino ist in Pflaums Verständnis eine Projektionsfläche für Fantasien, die von einer Realität gebrochen wird, die die Träume vorerst zum Bersten bringen. Aber es ist die Melange aus Weltschmerz und Hoffnung, die Pflaum so geistreich wie ungeniert einem staunenden Publikum reicht.
Im Mittelpunkt steht die Supermarktkassierin Annika (Stefanie Reinsperger), die von einer Meerjungfrauenflosse träumt. Das Eintauchen ins Meer macht sie, die mit ihrem Äußeren ziemlich zu kämpfen hat, schwerelos, ihr Tagtraum endet allerdings jäh im nicht vorhandenen Budget von 2.458,90 Euro, die ihre Wunschflosse kostet. Aber dieser Lebenstraum lässt sie einfach nicht los, sie will versuchen, allen Widerständen zum Trotz an eine solche Flosse zu kommen. Schließlich will sie der eigene Herr (oder: die eigenen Frau) in ihrem Leben sein, sie bleibt auch in schwierigen Situationen stets selbstbewusst. Ihre Leibesfülle gereicht ihr in allen möglichen Situationen zum Nachteil, das demotiviert sie aber nicht. Als ihr Vater (gespielt von Karl Fischer) auftaucht, mimt er einen Behinderten im Rollstuhl, obwohl er gar nicht behindert ist. Ihre kesse Nachbarin und Arbeitskollegin (Julia Franz Richter) parkt ihre Kinder lieber bei ihr, um reihenweise Typen abzuschleppen. Und dann ist da noch ihre höchst esoterisch angehauchte Chefin im Supermarkt, die Annikas Bitte um einen Vorschuss eiskalt ablehnt – obwohl: das war bestimmt nicht das letzte Wort in dieser Causa!
Solche Film-Plots geraten oftmals zu seicht oder zu gewollt in ihrer Umsetzung, man blickt dann lieber peinlich berührt weg von der Leinwand, weil die Chemie nicht stimmt, oder weil sich Dialoge hölzern anfühlen; viele Erstlingsfilme haben dieses Problem. Anders ist das bei „Mermaids Don’t Cry“: Darin funktioniert nicht nur das Zusammenspiel der Protagonistinnen – Stefanie Reinsperger ist darstellerisch eine Wucht, aber auch Julia Franz Richter ist ausgezeichnet besetzt, und Karl Fischer beherrscht den alten Grantler ganz vortrefflich. Hinzu kommt ein spürbares Selbstbewusstsein, was die Dialoge angeht, und dann gelingt dem Film das Kunststück, dass man das Gefühl hat, in einer Komödie zu sitzen, obwohl es eigentlich um ein todtrauriges Drama geht. „Mermaids Don’t Cry“ kann man vielleicht eine tragische Komödie nennen, das ist ein seltener Glücksfall von einem Film, der Unterhaltung und Anspruch so vereint, dass der Zuschauer mit Wonne durchgetragen wird. Bewusst vorhersehbar legt Regisseurin Pflaum ein paar Wendungen in den Plot, lässt ihre Hauptdarstellerin zu wahrer Hochform auflaufen und überzeugt auch in den Nebenrollen mit einer sicheren, authentischen Figurenzeichnung. Der Film bleibt bodenständig und driftet nie ins Fantastische ab, gerade deshalb ist er so frisch und lebensnah.
Dazu kommt, dass der Film sich ganz bewusst Gegenpole aus dem Leben sucht, um sich daran launig abzuarbeiten; das hält die Zuschauer bei der Stange, denn Gegensätze bringen Aktion auf die Leinwand. Der Trend zum „Mermaiding“, der der Regisseurin als Grundidee diente, hat dabei den Zweck, eine Art Seelenanalyse unserer Gesellschaft zu entwerfen: Sich dem Geheimnisvollen und dem Mythos der Meerjungfrauen hinzugeben, ist stark in Mode und auch ein Social Media-Trend. Als solcher entmystifiziert er aber auch die Aura dieser Meerjungfrauen, wird zum kommerziellen Trend von Eitelkeit und Selbstdarstellung. In diesem Spannungsfeld platziert Regisseurin Pflaum ihre liebevoll angerichtete Geschichte um Trivialität und Seelentiefe, die nirgendwo besser ans Licht gelangt, wenn eine Meerjungfrau aus dem Wasser an die Oberfläche kommt.
Mermaids Don’t Cry. Ö 2023. Regie: Franziska Pflaum. Mit Stefanie Reinsperger, Julia Franz Richter, Karl Fischer, Nico Ehrenteit. Länge: 91 Min. Verleih: Filmladen
