Die US-Schauspiel-Ikone wurde in Cannes mit der Ehrenpalme ausgezeichnet. Für den Nachwuchs hat sie einen Tipp…
Meryl Streep ist in Cannes gleich bei der Eröffnung mit einer Ehrenpalme ausgezeichnet worden. In einem nachfolgenden Q&A hat sie dann einige Fragen beantwortet. Hier ein paar Highlights aus dieser Konversation:
Wie sich Meryl Streep nach der Verleihung der Goldenen Palme fühlte:
Meryl Streep: Ich hatte eine Welle von Emotionen. Dieser Strom von Tränen im Publikum, das war eine Menge zu verarbeiten. So viel Liebe, hier in Cannes, war überwältigend. Zu Hause respektiert mich niemand!

Über ihre Einstellung zum französischen Kino
Meryl Streep: Ich schäme mich ein bisschen, zuzugeben, dass ich nicht genug Filme sehe. Der Tag hat nicht genug Stunden, und ich bin hauptsächlich mit meinem Familienleben beschäftigt. Außerdem bin ich so alt, dass ich inzwischen mit allen gearbeitet habe. Und wenn ich ihre Filme nicht vorrangig sehe, dann bin ich wirklich ein Miesepeter! Trotzdem habe ich Camille Cottin in jeder Folge von „Dix Pour Cent“ geliebt, und ich bin gestern Abend wegen des Films von Quentin Dupieux (Eröffnungsfilm in Cannes 2024, Anm.) sehr spät ins Bett gegangen, und ich habe ihn bewundert!
Über die entscheidende Szene in „Sophie’s Choice„.
Meryl Streep: Die Legende besagt, dass wir diese Szene nur einmal gedreht haben. Eigentlich haben wir sie zweimal gedreht, weil das kleine Mädchen bei der ersten Aufnahme nicht wusste, was passieren würde. Beim zweiten Mal wusste sie, dass die Männer sie mitnehmen würden. Die Reaktion dieses Kindes macht diese Szene so bewegend. Ich habe die Szene nur einmal gelesen, ich konnte es einfach nicht. Sie hat mich zu sehr aufgewühlt. Nichts bereitet einen darauf vor, eine solche Szene zu spielen. Es ist, als wäre man auf dem offenen Meer. Es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich ins Leere zu stürzen, denn die Technik und die Umgebung wird einem nicht helfen.
Die Rolle der Frau heute.
Meryl Streep: Heute sind die größten Stars der Welt Frauen. Als ich anfing, war das ganz anders. Damals drehte sich alles immer um einen männlichen Superstar. Frauenrollen waren zweitrangig. Filme sind Projektionen der Träume derer, die sie machen. Auch große Produzenten haben Träume! Für Frauen war es nicht schwer, sich ein männliches Gegenstück vorzustellen, während es für Männer eine große Herausforderung war, von einer weiblichen Figur zu träumen. Das erste Mal, dass mir ein Mann über einen Film sagte: „Ich weiß, wie du dich fühlst“, war bei „The Devil Wears Prada“ (Der Teufel trägt Prada).

Die Eigenschaften eines guten Regisseurs?
Meryl Streep: Er muss ein Vertrauter sein. Das ist das Wichtigste. Er muss wissen, was er oder sie sagen will. Er muss der Gruppe Vertrauen einflößen. Das Wichtigste ist, dass er oder sie etwas vermitteln will, auch bei Komödien. Wenn das nicht der Fall ist, gehe ich nach Hause!
Ihre Erinnerungen an die Dreharbeiten zu „The Bridges of Madison County“.
Meryl Streep: Clint Eastwood hat diesen Film in nur fünf Wochen gedreht. Er hat sehr schnell gearbeitet. Er stand um 5 Uhr morgens auf, damit er am Nachmittag auf dem Golfplatz sein konnte. Was man in dem Film sieht, sind im Wesentlichen die Proben. Das ist seine Arbeitsweise. Sein Team war absolut hektisch! Aber er hat nie die Stimme erhoben. Es war toll, auf diese Weise zu arbeiten.
Ihr Rat an junge Schauspieler?
Meryl Streep: Gebt einfach niemals auf. Niemals!
Aufgezeichnet von Matthias Greuling, Fotos: Katharina Sartena
