Finaler Fiebertraum


Angelina Jolie spielt in dem Drama „Maria“ von Pablo Larraín die Operndiva Maria Callas, und wie sie am Ende ihres Lebens versucht, ihr Vermächtnis zu verorten.

Von Matthias Greuling

Pablo Larraín hat sich mit Filmen wie „Jackie“ und „Spencer“ als sensibler Chronist großer Frauenfiguren etabliert. Statt biografischer Vollständigkeit interessiert ihn das Fragmentarische – Momente der Reflexion, des inneren Ringens, der Isolation. Mit „Maria“ wendet er sich nun einer der schillerndsten, aber auch tragischsten Persönlichkeiten der Musikgeschichte zu: Maria Callas, die Operndiva, die ebenso für ihre unvergleichliche Stimme wie für ihr leidenschaftliches, oft schmerzvolles Leben bekannt war.

Angelina Jolie brilliert als die gealterte Callas. Foto: Constantin

Angelina Jolie verkörpert Callas in ihren letzten Lebenstagen, zurückgezogen in ihrer Pariser Wohnung im Herbst 1977. Die großen Bühnen sind längst verstummt, die einst triumphale Stimme nur noch eine Erinnerung. Begleitet von ihrem treuen Kammerdiener Ferruccio (Pierfrancesco Favino) und der Köchin Bruna (Alba Rohrwacher), lebt sie in einem Kokon aus Vergangenheit und Vergänglichkeit. Ein fiktives Interview mit dem jungen Journalisten Mandrax (Kodi Smit-McPhee) dient als erzählerische Brücke: Durch seine Fragen werden Erinnerungen geweckt, Schatten alter Triumphe und gescheiterter Träume geistern durch den Raum. Mandrax ist auch der Name jenes Medikaments, das Callas in großen Mengen konsumiert. Es ist ihr finaler Fiebertraum, den sie mit dem fiktiven Journalisten in ihrem Rausch durchlebt und durchleidet.
Jolie nähert sich dieser Rolle mit einer geradezu stillen Intensität. Ihre Callas ist keine exaltierte Diva, sondern eine Frau, die in Würde mit dem Zerfall ringt. Ihre Bewegungen sind bedächtig, ihre Blicke tragen die Last eines Lebens, das auf der Bühne ebenso dramatisch war wie hinter den Kulissen. Der Schmerz über den Verlust ihrer Stimme, ihrer großen Liebe Aristoteles Onassis (Haluk Bilginer) und ihrer künstlerischen Identität ist allgegenwärtig – doch Larraín inszeniert ihn nicht als lautes Drama, sondern als leise Tragödie. Larraíns Kamera taucht das Paris der späten 70er-Jahre in warme, melancholische Farben. Lange Einstellungen lassen Raum für Nuancen: Ein Lichtstrahl, der durch hohe Fenster fällt, das Flackern einer Kerzenflamme, das Echo von Callas’ Stimme, das in alten Schallplatten nachhallt. Die Rückblenden wirken nicht wie klassische Flashbacks, sondern wie Fragmente einer verblassenden Erinnerung.

Mit Onassis hat es bei der Callas gefunkt. Auch das zeigt der Film. Foto: Constantin

So macht Larraín Callas’ Gefühlswelt spürbar. Sie reflektiert über Kunst, Ruhm und das unausweichliche Vergehen der Zeit. All das changiert zwischen distanzierter Weisheit und plötzlicher Emotionalität – wie ein letztes Aufbäumen gegen die Vergänglichkeit. Dann und wann droht der Film in seiner eigenen Stilistik zu erstarren, aber das ist Teil des ästhetischen Konzepts, das die Diva durchaus bewusst einklemmt in ein Korsett, aus dem ihre leidenschaftliche Seite gar nicht mehr entfliehen kann. „Maria“ ist das berührende, bildgewaltige Porträt einer Legende am Ende ihres Weges. Angelina Jolie zeigt eine der nuanciertesten Darstellungen ihrer Karriere, und Pablo Larraín beweist erneut sein Gespür für das Unsichtbare zwischen den Bildern. Es ist ein Film, der nicht nach den großen Arien verlangt, sondern in Zwischentönen nachhallt.

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