Richard Linklater wirft die Zeitmaschine an: Seine Hommage an die Geburt der Nouvelle Vague war in Cannes im Wettbewerb zu sehen. Ein Meisterwerk über ein Meisterwerk.
Von Matthias Greuling
Mit seinem neuen Film Nouvelle Vague, der im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes seine Weltpremiere feierte, wagt sich Richard Linklater auf ungewöhnliches Terrain – und bleibt sich dennoch treu. Der texanische Filmemacher, der sich mit Langzeitprojekten wie Boyhood oder der Before-Trilogie längst als Chronist von Zeitläuften etabliert hat, widmet sich diesmal der Vergangenheit des Kinos selbst: der Geburt der französischen Nouvelle Vague rund um Jean-Luc Godard, François Truffaut, Claude Chabrol und Agnès Varda.

Was Linklater hier gelingt, ist kein klassisches Biopic, keine konventionelle Nacherzählung berühmter Filmbiografien. Vielmehr entfaltet sich Nouvelle Vague wie eine cineastische Zeitkapsel – eine stilisierte Rekonstruktion der Umstände, unter denen À bout de souffle (Außer Atem, 1960) entstand, jener Film, der das französische Kino und in weiterer Folge die Filmgeschichte radikal veränderte.
Formale Eleganz mit einem Hauch Nostalgie
Gedreht in körnigem Schwarz-Weiß und im fast vergessenen 4:3-Bildformat, ist Nouvelle Vague formal eine bewusste Rückbesinnung. Linklater zitiert die Ästhetik der späten 1950er und frühen 1960er Jahre mit akribischer Genauigkeit – von den Zigarettenrauch-Schwaden in Pariser Cafés bis hin zu den knarzenden Tonbandaufnahmen am Set. Dabei verzichtet er weitgehend auf die formale Radikalität, mit der Godard damals das Erzählen im Kino dekonstruierte. Statt abrupter Jump Cuts oder direkter Blickkontakte in die Kamera setzt Linklater auf eine ruhige, fast kontemplative Inszenierung.
Das hat zur Folge, dass Nouvelle Vague nicht als revolutionäres Kinoerlebnis wahrgenommen wird, sondern eher als liebevolle, beinahe melancholische Verbeugung. Man spürt die Bewunderung, die Linklater für seine filmischen Ahnen hegt – doch gerade darin liegt auch die Ambivalenz dieses Werks: Der Geist der Rebellion wird beschworen, aber nicht erneuert.
Figuren als Projektionsflächen der Filmgeschichte
Im Zentrum des Films steht die Figur des jungen Jean-Luc Godard (Guillaume Marbeck), der als intellektuell spröder, zugleich verletzlicher Künstler gezeichnet wird. Linklater interessiert sich weniger für psychologische Tiefe als für die Spannungsverhältnisse zwischen Vision und Realität. Godard ist hier ein rastloser Suchender, hin- und hergerissen zwischen formalen Experimenten und dem Druck der Finanzierung – dargestellt etwa in seinen konfliktreichen Gesprächen mit Produzent Georges de Beauregard.
Zoey Deutch glänzt als Jean Seberg – weniger als Charakter, denn als Ikone: blond, unnahbar, ein amerikanischer Fremdkörper in der Pariser Bohème. Ihre Szenen mit Belmondo-Darsteller Aubry Dullin gehören zu den emotionalsten Momenten des Films, auch wenn Linklater stets Distanz wahrt. Die Nouvelle Vague war, so scheint Nouvelle Vague zu sagen, ein intellektuelles Projekt, kein emotionales.
Erwähnenswert ist auch, wie geschickt Linklater reale Figuren des französischen Kinos einwebt: Truffaut taucht als aufbrausender, leidenschaftlicher Kontrahent auf, Varda als stille Chronistin, Éric Rohmer als sanftmütiger Diskutant in verrauchten Redaktionsräumen der Cahiers du cinéma.
Ein Film über das Filmemachen – und das Erinnern
Linklater war nie ein Regisseur, der sich dem schnellen Erzählkino verschrieben hat. Auch Nouvelle Vague nimmt sich Zeit. Der Film mäandert durch Szenen des Drehbuchschreibens, Castingprozesse, hitzige Diskussionen über Kameraperspektiven. Das hat stellenweise etwas Selbstreferenzielles, aber auch etwas ungemein Ehrliches. Linklater zeigt, wie viel Zufall, Überzeugungskraft und kreative Improvisation notwendig waren, um das bloß vermeintlich spontane Meisterwerk À bout de souffle zu erschaffen.
Was Nouvelle Vague dabei auszeichnet, ist seine doppelte Perspektive: Es ist ein Film über das Filmemachen, aber auch über das Erinnern – über den Blick zurück auf eine Zeit, in der Kino noch als revolutionäres Werkzeug verstanden wurde. In dieser Hinsicht erinnert der Film an Woody Allens Midnight in Paris, nur mit größerem Respekt vor der historischen Authentizität und ohne den Eskapismus.
Nouvelle Vague ist kein wilder Ritt durch die Geschichte des Kinos, sondern eine stille Huldigung an eine Gruppe junger Männer und Frauen, die einst das Medium revolutionierten. Richard Linklater gelingt es, Atmosphäre und Geist der Zeit einzufangen, ohne sie zu imitieren. Was bleibt, ist ein eleganter, fast sehnsüchtiger Blick auf eine Ära, die das Kino für immer veränderte.
