Eine Begegnung mit US-Regisseur Alexander Payne beim Filmfestival in Locarno über Juryarbeit, britisches Nachkriegskino, Streamingdienste und die Kunst der Verortung.
Von Matthias Greuling, Locarno
Alexander Payne, weltbekannt für Filme wie „Sideways“, „Nebraska“ oder „The Holdovers“, ist dieses Jahr Jurypräsident beim Filmfestival von Venedig. Im Gespräch am Rande des Filmfestivals von Locarno, wo man ihm einen Ehren-Leoparden überreichte, spricht er über Disziplin im Kinosessel, die Liebe zum britischen Nachkriegskino, das zweischneidige Schwert des Streamings – und warum er seine Drehorte wählt wie ein Reisender auf Entdeckungstour.
„Das Einzige, was ich meiner Jury in Venedig mit auf den Weg geben werde – bei allem Respekt: Ich will euch nicht vorschreiben, was ihr abends tut. Aber man darf nicht zu viel trinken und zu spät feiern. Sonst passiert etwas, das mir schon einmal passiert ist: Man schläft im Film ein. Das ist fatal“, sagt Payne mit einem Schmunzeln. Juryarbeit erfordere Verantwortung und Disziplin – „wirklich“, betont er. Vorab Sichtungen vor dem Festival lehnt er ab: „Man muss einen Film mit Publikum sehen, projiziert. Alles andere ist unfair – vor allem, wenn man ihn auf dem Computer oder Fernseher schaut.“ Offizielle Gala-Screenings meidet Payne eher, stattdessen bevorzugt er die morgendlichen Pressescreenings um 8:30 oder 11 Uhr: „So wie man Wein am besten vormittags probiert, schaut man Filme am frischesten am Morgen.“

Schwergewichte im Wettbewerb
Dieses Jahr, sagt Payne, sei das Feld im Venedig-Wettbewerb voller „heavy hitters“ – Schwergewichte der internationalen Regie. „Das setzt mich unter Druck. Man kann nur wenigen den Preis geben, obwohl so viele Weltklasse-Regisseure dabei sind.“ Payne ist erst seit zwei Tagen in Locarno, als unser Gespräch stattfindet, konzentriert sich jedoch fast ausschließlich auf die Retrospektive zum britischen Nachkriegskino. „Gute neue Filme wird man mir früh genug aufdrängen“, sagt er lachend. Alte britische Filme projiziert zu sehen, sei dagegen selten. Er hat selbst ein Vorwort für das begleitende Buch zur Retrospektive geschrieben – auf Bitte eines befreundeten Kurators. Komödien wie „I’m All Right Jack“ schätzt er besonders: „Sie sind direkter, pointierter und spielen mit britischen Stereotypen.“ Überraschend habe er den Regisseur Lance Comfort entdeckt, von dem gleich zwei Filme im Programm seien.
Der schwierige Stand humanistischer Filme
Ob Filme wie Paynes bislang letztes Werk „The Holdovers“ (2023) in Zukunft schwerer zu realisieren seien? Payne verneint: „Sie waren immer schwer zu machen. Früher hatten menschliche, erwachsene Dramen und Komödien normale Budgets, Actionfilme dagegen kleine. Heute ist es umgekehrt.“ Er sieht sich nicht als Einzelkämpfer in der gegenwärtigen US-Filmbranche, verweist auf Kollegen wie Paul Thomas Anderson, Wes Anderson, Sofia Coppola oder Richard Linklater, die ebenfalls „ihre eigenen Melodien“ verfolgen – oft mit kleineren Budgets und weniger Gage.

Streamingdienste – Segen und Fluch
Payne beschreibt Streaming als „Schwert mit zwei Schneiden“. Einerseits finanzierten die Plattformen Filme, die sonst keine Chance hätten, ins Kino zu kommen. Andererseits blieben viele dieser Werke außerhalb der „cinematischen Konversation“. Als Beispiel nennt er Pablo Larraíns „El Conde“: „Ein brillanter Film, finanziert von Netflix – danke dafür. Aber er wurde in der traditionellen Kinowelt kaum wahrgenommen, trotz globaler Abrufzahlen.“
Drehorte als zweite Hauptfigur
Warum spielen Paynes Filme oft in spezifischen, teils randständigen Gegenden – Honolulu („The Descendants“), die ländliche Prärie Nebraskas, das kalifornische Weinanbaugebiet („Sideways“)? „Es beginnt immer mit der Geschichte. Aber der Ort ist entscheidend, er muss spezifisch sein. Das gibt dem Film Eigenart.“ Er verfolgt dabei eine „dokumentarische Haltung im fiktionalen Film“, damit die Einheimischen sagen können: „Ja, das stimmt so.“ Seine Heimatstadt Omaha taucht immer wieder auf – nicht unbedingt autobiografisch, aber persönlich gefärbt. Für seinen nächsten Film zieht es ihn im Februar nach Jütland in Dänemark: „Ich hoffe, die Dänen werden sagen: ‚Für einen Ausländer hat er das ganz gut getroffen.‘“
Regie als Reise
Payne versteht Drehorte-Suche als Forschung: „Für jeden ausgewählten Ort habe ich vielleicht 30 gesehen, mit den Menschen gesprochen, sie überzeugt, dass ein Dreh nicht zu störend ist – obwohl er es immer ist.“ So fühle er sich am Ende, „wenn auch oberflächlich, in das Gewebe des Ortes eingewoben. Regie ist in diesem Sinne eine Form des Reisens, würde ich sagen“.
Muss man den Hintergrund der Figuren kennen, um gute Filme zu machen? „Ja – aber nicht zwingend aus eigener Erfahrung. Man eignet sich Wissen an.“ Selbst das ländliche Nebraska sei ihm als Großstädter fremd gewesen: „So exotisch wie Hawaii oder Dänemark.“ Recherche und Drehortsuche gingen Hand in Hand – und manchmal verändere die Realität vor Ort sogar das Drehbuch.
Zwischen Werbung und Kino
Werbung dreht Payne selten, genießt sie aber: Vier Spots in seiner Karriere, darunter Apple, Hotels.com, Walmart – und zuletzt mit Paul Giamatti eine humorvolle Kampagne für Lungentransplantationen eines New Yorker Krankenhauses: „Ich habe ihnen gesagt: Nach diesem Spot will jeder eine neue Lunge.“ Eigentlich ein Thema für eine Filmkomödie, oder? „Da haben Sie recht, das wäre wirklich ein Knaller!“
