Wim Wenders und die Berlinale-Aufregung


Zwischen Empathie und Erwartung: Die Berlinale ringt um die Frage, wie politisch Kino sein darf

Von Matthias Greuling, Berlin

Der Satz fällt früh, fast beiläufig, und doch bestimmt er binnen Stunden die Tonlage eines ganzen Festivals. Man müsse sich „aus der Politik heraushalten“, sagt Wim Wenders bei der Pressekonferenz der Berlinale-Jury ganz zu Anfang des Festivals. Sobald Filme dezidiert politisch würden, betrete man das Feld der Politik – das Kino aber sei ihr Gegenmodell, ein Raum der Empathie.

Es ist eine jener Äußerungen, die weniger durch ihre Präzision wirken als durch den Moment, in dem sie fallen. Die Berlinale steht seit Jahren unter besonderer Beobachtung, wenn es um Krieg, Gewalt, Solidarität und die Rolle kultureller Institutionen geht. Entsprechend schnell wird aus einem poetischen Selbstverständnis des Kinos eine politische Kontroverse. Schon der Rahmen der Pressekonferenz zeigt, wie nervös das Terrain geworden ist. Eine Frage nach selektiver Menschenrechtspolitik und dem Umgang mit Gaza bringt die Diskussion in Richtung geopolitischer Positionierung. Wenders’ Aussage wirkt wie ein Versuch der Entlastung: Kino, so seine implizite These, könne die Welt verändern – aber nicht politisch im engeren Sinn. Filme formten Empathie, nicht Programme; sie veränderten Wahrnehmung, nicht Parteipositionen. Darin steckt auch ein Schutzgedanke: Wenn Kunst zur permanenten Stellungnahme verpflichtet wird, droht sie zur moralischen Dienstleistung zu werden, zur Verlängerung tagespolitischer Frontlinien.

Gerade dieser Schutzgedanke provozierte scharfen Widerspruch. Die Schriftstellerin Arundhati Roy sagte ihre geplante Teilnahme an der Berlinale ab und bezeichnete die Forderung nach politischer Zurückhaltung angesichts massiven Leids als untragbar. Hinter dieser Reaktion steht ein anderes Verständnis kultureller Öffentlichkeit: Wer über globale Aufmerksamkeit verfügt, kann sich nicht neutral verhalten, weil Neutralität in asymmetrischen Konflikten als Zustimmung zum Bestehenden gelesen wird. Damit prallen zwei Ethiken aufeinander. Die eine vertraut auf die indirekte Wirkung von Kunst, auf Zeit, Ambivalenz und Mitgefühl. Die andere verlangt unmittelbare moralische Klarheit – gerade dort, wo Gewalt sichtbar ist.

Die Position der Institution: Freiheit ohne Pflicht

Die Festivalleitung versucht, zwischen diesen Polen zu navigieren. Künstlerinnen und Künstler, so die Argumentation, müssten weder antworten noch schweigen; beides sei legitim. Ein Festival könne nicht jede Erwartung erfüllen, zumal Leid an vielen Orten der Welt gleichzeitig sichtbar sei. Das klingt nach Pragmatismus, verweist aber auf ein strukturelles Problem: Die Berlinale versteht sich traditionell als politisches Festival, als Ort des Dialogs und der Sichtbarkeit marginalisierter Stimmen. Gerade deshalb wird jede Zurückhaltung sofort als Bedeutungsverschiebung gelesen. Wer politisch sein will, kann schwer unpolitisch erscheinen.

Hinzu kommt eine Verschiebung der Adressaten. Fragen, die eigentlich an Staaten, Regierungen oder Institutionen gerichtet sind, landen bei Filmschaffenden auf dem Podium. Jurymitglieder werden zu Stellvertretern geopolitischer Debatten, obwohl ihre Funktion eine andere ist. In liberalen Demokratien gehört es zur Freiheit von Künstlern, sich zu äußern – und ebenso zur Freiheit, es nicht zu tun. Doch die Logik digitaler Öffentlichkeit kennt diese Symmetrie kaum. Dort gilt Schweigen schnell als Schuld, Differenzierung als Ausweichen, Ambivalenz als Verdacht.

Dass die Reaktionen so heftig ausfallen, hat auch mit der jüngeren Geschichte der Berlinale zu tun. Frühere Ausgaben waren von Antisemitismusvorwürfen, polizeilichen Ermittlungen und gegensätzlichen Solidaritätsbekundungen geprägt. Jede neue Äußerung fällt daher in ein bereits polarisiertes Gedächtnis. So entsteht ein Kreislauf: Weil das Festival politisch gelesen wird, müssen sich Beteiligte positionieren. Weil sie sich positionieren, verstärkt sich die politische Lesart. Ein Ausweg scheint kaum möglich.

Vielleicht liegt der Kern der Debatte weniger in der Frage, ob Film politisch sein soll, sondern wie. Politik kann im Statement stattfinden – oder in der Auswahl der Filme, in kuratierten Gesprächen, in der Art, wie Geschichten erzählt werden.

Während Wenders das Kino als empathisches Gegengewicht zur Politik beschreibt, laufen im Wettbewerb zugleich Werke, die ausdrücklich vor Autoritarismus und Demokratieschwund warnen. Das Festival ist also längst politisch – nur nicht zwingend in Form von Parolen. Die Berlinale wird diese Spannung nicht auflösen können. Aber sie kann entscheiden, wie sie mit ihr umgeht: ob sie Debatten nur aushält – oder Räume schafft, in denen Widerspruch möglich bleibt. 

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