Die Berlinale kürt „Gelbe Briefe“ zum Gewinner des Goldenen Bären, auch „Rose“ von Markus Schleinzer wurde ausgezeichnet.
Von Matthias Greuling, Berlin
Als am Samstagabend im Berlinale-Palast die Lichter angingen, war die 76. Berlinale entschieden – und doch begann in manchen Dankesreden erst die eigentliche Debatte. Der Goldene Bär ging an „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak, einen Film, der die Erosion demokratischer Gewissheiten in den Alltag einer Familie einschreibt. Çataks Drama erzählt von einem Theaterschaffenden-Ehepaar, das nach regimekritischen Äußerungen ins Visier staatlicher Behörden gerät. Der Verlust der Arbeit wird zur sozialen Entwurzelung, der Druck von außen frisst sich in die intimsten Räume vor. Die Kamera bleibt nah bei den Figuren, beobachtet, wie sich Angst in Gesten und Schweigen verwandelt. Politik erscheint hier nicht als Schlagwort, sondern als Atmosphäre (mehr dazu hier).

In seiner Dankesrede machte Çatak deutlich, dass er seinen Film als Intervention versteht. „Die wirkliche Bedrohung ist nicht unter uns“, sagte er auf der Bühne. „Es sind die Autokraten, die rechtsextremen Parteien, die Nihilisten unserer Zeit, die versuchen, unsere Lebensweise zu zerstören. Lasst uns nicht gegeneinander kämpfen. Lasst uns sie bekämpfen.“ Der Applaus kam prompt, fast erleichtert. Die Berlinale hat eine Tradition politischer Stellungnahmen; an diesem Abend wurde sie offensiv fortgeschrieben.
Auch der Große Preis der Jury ging an einen Film mit deutlicher politischer Kante. Der türkische Regisseur Emin Alper nutzte seine Auszeichnung für „Salvation“, um Solidarität mit Menschen in der Türkei, in Syrien, im Iran und in Gaza zu bekunden. „Das Mindeste, was wir hier tun können, ist, die Stille zu durchbrechen“, sagte er. „Zu sagen: Ihr seid nicht allein.“ Es war kein Nebensatz, sondern der Kern seiner Ansprache. Die Gala spiegelte damit die Spannungen, die das Festival seit Tagen begleiteten. Auf dem roten Teppich hatten Filmschaffende und Gäste Flaggen, Pins und Statements getragen; in Panels und Pressekonferenzen wurde über Krieg, Zensur und Meinungsfreiheit gestritten. Berlin, das sich gern als Hauptstadt der offenen Debatte versteht, wurde für zehn Tage wieder zur Projektionsfläche globaler Konflikte.
Neben den politischen Wortmeldungen standen künstlerische Leistungen im Fokus. Sandra Hüller erhielt – sehr verdient – einen Silbernen Bären für ihre Rolle im österreichischen Beitrag „Rose“ von Markus Schleinzer (mehr dazu hier). In ihrer Rede sprach sie über das Schauspiel als Erfahrungsraum: „Film schenkt uns die Möglichkeit, in andere Leben zu schlüpfen“, sagte sie, „und dadurch uns selbst besser zu begreifen.“ Kein Pathos, eher eine leise Erinnerung daran, warum dieses Medium wirkt.

Der Silberne Bär für die Beste Regie ging an den Briten Grant Gee für sein Jazzmusiker-Porträt „Everybody Digs Bill Evans“. Gee nähert sich dem legendären Pianisten mit ruhiger, tastender Kamera; Archivmaterial, Musik und Gespräche fügen sich zu einer Hommage, die weniger erklären als hören will. In seiner Dankesrede sprach er von Bill Evans als einem Künstler, „der in jeder Note nach Wahrheit gesucht hat“, und widmete den Preis „allen, die noch immer genau hinhören“.
Ein weiterer Silberner Bär würdigte die kanadische Autorin und Regisseurin Geneviève Dulude-de Celles für das Drehbuch ihres Spielfilms „Nina Roza“, während „Yo (Love is a Rebellious Bird)“ von Anna Fitch und Banker White für eine herausragende künstlerische Leistung ausgezeichnet wurde – ein Zeichen dafür, wie breit das Spektrum filmischer Handschriften in diesem Wettbewerb gefasst war. Mehrfach ausgezeichnet wurde zudem das Demenzdrama „Queen at Sea“, dessen Ensemble für Nebenrollen geehrt wurde. Die Darstellerinnen und Darsteller bedankten sich bei ihren Teams und verwiesen auf die lange Entstehungsgeschichte des Films – ein Verweis darauf, dass Festivalglanz oft das Ergebnis zäher Arbeit ist.
So endete eine Berlinale, die sich weder in Eskapismus flüchtete noch in Parolen erschöpfte. Zwischen Preisstatuten und politischen Appellen blieb Raum für Ambivalenz. Das Kino zeigte sich als Ort der Auseinandersetzung – auf der Leinwand und am Rednerpult.
Alle Infos zu den Preisträgern: https://www.berlinale.de/de/festival/preise-und-jurys/internationale-jury.html
