Bozen feiert die siebte Kunst

Beim 39. Bolzano Filmfestival steht Kunstkino im Rampenlicht. celluloid hat sich vor Ort umgesehen.

Von Marina Richter, Bozen

Die 39. Ausgabe des Bozener Filmfestivals, die vom 11. bis 19. April stattfindet, setzt die Tradition fort, die siebte Kunst mit einem sorgfältig kuratierten Programm zu feiern. Der diesjährige Schwerpunkt liegt auf katalanischen Filmen und umfasst eine Auswahl von sieben Werken, die zwischen 2019 und 2025 entstanden sind. Vier davon feierten hier ihre Südtiroler Premiere: “Carelia: Internacional con Monumento” (2019) von Andrés Duque, José Luis Guérins “Historias del buen Vallle” (2025), der in Cannes prämierte “Magellan“ (2025) von Lav Diaz und Albert Serras Dokumentarfilm “Tardes de Soledad” (2025) über den peruanischen Stierkämpfer Roca Rey, der in San Sebastian die Goldene Muschel gewann.

„Magellan“ von Lav Diaz. Foto: BFF

Internationale Premiere hatte Virginia Garcia del Pinos “La Estafa del amor”, eine Doku die eines der universellen Themen hinterfragt: die Liebe (oder ihr Gegenteil), und dabei Täter und Opfer in einem ungewöhnlichen Kontext in den Mittelpunkt stellt. Zusätzlich, konnte das Publikum die Performance “Lovesong, a non-existent film in progress” der katalanischen Künstlerin, Philosophin und Schamanin Marta Andreu im Filmclub beiwohnen.

Ulrike Ottinger im Gespräch mit dem Leiter des Bozener Filmfestivals, Vincenzo Bugno. (Foto: Richter/celluloid)

Zu den Highlights des Festivals zählt die Live Performance des Musiktrios Marco Colonna, Esmeralda Sella und Francesca Cigano, die für die Vorführung von Elvira Notaris Stummfilm „A santanote“ aus dem Jahr 1922, eine eigens für diesen Anlass adaptierte Partitur erstellten. Ebenfalls gezeigt wurde „Das Mädchen mit dem leichten Gepäck“ (1961) von Valerio Zurlini, mit dem der kürzlich verstorbenen italienischen Schauspielikone Claudia Cardinale eine Hommage gewidmet wurde.

Neben dem Wettbewerbsprogramm mit elf Spielfilmen, von denen acht ihre italienische und drei die Südtiroler Premiere in Bozen feiern, und fünf Dokumentarfilmen, die noch nie zuvor in Italien gezeigt wurden (im Programm „Reale non Reale“), treffen junge Talente und Filmveteranen im Segment „Lokale Helden“ aufeinander. Letzteres präsentiert die interessanteste Mischung verschiedener filmischer Ausdrucksformen aus drei geografisch nahe beieinander liegenden Regionen: Tirol, Südtirol und Trentino.

„Lois Weinberger – Ruderale Gesellschaften“ von Markus Heichl lief im Programm. Foto: BFF

Unter ihnen ist „Lois Weinberger – Ruderale Gesellschaften“ von Markus Heichl besonders hervorzuheben, das sich mit einer der bedeutendsten österreichischen Künstler (1947–2021) befasst, der sich seit den 1970er Jahren mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur auseinandergesetzt hat. Der Film feierte seine Weltpremiere bei der Viennale und läuft seit März dieses Jahres in den Kinos. Zwei Kurzfilme der Reihe „Local Heroes“ stammen von AbsolvenInnten der ZeLIG Filmschule, und feiern gleichzeitig ihre Weltpremieren in Bolzano: Anna Cijus Animation “Far finta che” und Jonathan Bugiels “Memento muri”, der danach beim DokFest München präsentiert wird. 

Dies ist das erste Mal, dass eine enge Zusammenarbeit zwischen der ZeLIG Filmschule und dem Bozener Filmfestival stattfindet, die im selben Jahr gegründet wurden. Anlässlich des bevorstehenden vierzigsten Jubiläums, befinden sich zwei Dokumentarfilme in Vorbereitung, die von Helmut Lechthaler und Alexander Lechner gemeinsam inszeniert werden.

Die siebenköpfige Jury der ZeLIG Filmschule in Bozen wird über den Preis für das Werk entscheiden, das die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm auslotet. Berücksichtigt wurden die Autorenwerke aus verschiedenen Segmenten des Festivalprogramms: Wettbewerb, BFFB39, RealeNonReale, BFFB Special, Focus und Kleinsprachen DOC.

Eine weitere Gruppe, bestehend aus Studenten der Filmschule, führt ein bis zwei Interviews pro Tag mit den Gästen des Festivals durch. Sie nehmen sie vom Ort auf, schneiden sie anschließend und am führen Nachmittag werden sie schon auf dem Festival YouTube-Kanal online gestellt. Außerdem gibt es eine enge Zusammenarbeit mit dem Online-Portal “Salto”, indem die Interviews ebenfalls veröffentlicht werden.  

Zwei Ehrenpreise des Festivals wurden in Zusammenarbeit mit dem Verkehrsamt der Stadt Bozen, in separaten Zeremonien, an die aus Bozen stammenden italienischen Schauspielerin Olivia Piccolo, und an die deutsche Regisseurin Ulrike Ottinger, für ihre herausragenden Filmkarrieren verliehen. Neben den ausgewählten Filmen, die ihren Beitrag zum filmischen Erbe würdigen, bot sich dem Publikum auch die Gelegenheit, an exzellent geführten Gesprächen mit dem künstlerischen Leiter des Festivals, Vincenzo Bugno, teilzunehmen.

Ottavia Piccolo im Gespräch in Bozen.

Während der Titel des Gesprächs mit Piccolo formeller war – „Die Macht der Beständigkeit – Bühne, Kino und Fernsehen, bürgerschaftliches Engagement“, trug das Treffen mit Oettinger, ganz im Sinne ihrer spezifischen filmischen Handschrift, den Titel „Paris, West-Berlin, Vampire & mehr. Das Leben als Gesamtkunstwerk“. Die Laudatio an Ulrike Ottinger hielt im Filmclub die stellvertretende künstlerische Leiterin des Filmmuseums Alessandra Thiele, die unter anderem sagte: “Ottingers Filme sind geprägt von einer radikalen Eigenständigkeit. Sie verweigern sich den Konventionen des Mainstreams ebenso wie den Erwartungen des klassischen Autoren – oder Arthousekinos. Stattdessen entfaltet sich ein Werk, das gleichermaßen opulent und präzise, verspielt und reflektiert ist. Es ist ein Kino der Attraktion, das weniger erzählen als zeigen will – ein Kino, das verführt, irritiert und betört.” 

Festivalchef Vincenzo Bugno und Filmexpertin Alessandra Thiele halten die Laudatio auf Ulrike Ottinger. Foto: Richter/celluloid

Das lokale Publikum hat die Gelegenheit, die Werke des Wettbewerbsprogramms kennenzulernen, die bereits auf bedeutenden internationalen Festivals gezeigt wurden. Acht dieser Filme feiern in Bozen ihre Italienpremiere, drei werden zum ersten Mal in Südtirol gezeigt. 

Fünf Jurys werden über insgesamt acht Auszeichnungen entscheiden, die am Samstagabend bei der Preisverleihung überreicht werden.

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