Regisseur James Vanderbilt hat mit „Nürnberg“ (Kinostart: 7.5. 2026) die Vorbereitungen des Nürnberger Prozesses eingefangen – mit Hermann Göring als zentraler Figur. Der wird von Russell Crowe gespielt. Wir haben den Regisseur befragt.
Von Matthias Greuling
Der Film „Nürnberg“ erzählt die Ereignisse rund um die Nürnberger Prozesse aus einer ungewöhnlichen Perspektive: Im Zentrum steht nicht primär der Gerichtssaal, sondern die Zeit davor – insbesondere die Beziehung zwischen dem amerikanischen Psychiater Douglas Kelley (Rami Malek) und dem inhaftierten NS-Funktionär Hermann Göring (Russell Crowe). Während Kelley versucht, die Psyche eines der mächtigsten Männer des „Dritten Reichs“ zu verstehen, entfaltet sich ein intensives Kammerspiel, das zwischen Faszination, Manipulation und moralischer Abgründigkeit oszilliert. Parallel dazu wird die Vorbereitung des Prozesses gezeigt, wodurch sich das persönliche Duell zwischen zwei Männern mit der historischen Dimension eines weltverändernden Gerichtsverfahrens verbindet. celluloid sprach mit dem Regisseur des Films, James Vanderbilt.
celluloid: Was hat Sie an dieser Geschichte besonders gereizt?
Vanderbilt: Es ist die Geschichte von Dr. Kelly und Hermann Göring – und ihrer Beziehung in einer Gefängniszelle. Eigentlich eine sehr kleine Geschichte, aber mit einer großen Idee dahinter. Vor allem war es eine Geschichte, die ich so noch nie gehört hatte. Mich faszinieren Erzählungen, die zwar auf einer großen historischen Bühne spielen, aber hinter den Kulissen angesiedelt sind. Deshalb habe ich sofort zugesagt. Es ging mir weniger um das Genre als um die Geschichte selbst.

celluloid: Sie haben in Ihrer Karriere viele unterschiedliche Genres bedient. War das eine bewusste Entscheidung?
Vanderbilt: Ich versuche einfach, die Geschichten zu erzählen, die mich interessieren – unabhängig vom Genre. Ich hatte das Glück, zwischen Horror, Komödie und großen Actionfilmen wechseln zu können. Ich glaube, das Publikum ist ähnlich vielseitig: Niemand schaut ausschließlich Dramen. Man will eine Art ausgewogene Mischung.
celluloid: Dennoch sagen Sie, solche Filme seien schwerer zu realisieren. Warum?
Vanderbilt: Reine Dramen haben weniger Action oder visuelle Effekte und sind international oft schwerer zu vermarkten. Gleichzeitig sind sie teuer, vor allem wenn sie historisch angesiedelt sind. Jedes Detail muss stimmen: Fahrzeuge, Kostüme, Frisuren. Man kann nichts einfach „von der Stange“ nehmen. In unserem Fall mussten wir sogar den Gerichtssaal komplett neu bauen und mit Hunderten Komparsen in authentischer Ausstattung füllen. Das sind Kosten, die man oft unterschätzt.
celluloid: Wie kam es zur Besetzung von Russell Crowe als Hermann Göring?
Vanderbilt: Ich bin seit Jahrzehnten ein Bewunderer seiner Arbeit. Göring wurde in den Quellen als äußerst charmant, humorvoll und gesellig beschrieben – jemand, der einen Raum für sich einnimmt. Gleichzeitig trägt die Figur natürlich eine enorme historische Last. Ich brauchte also einen Schauspieler, der diese Ambivalenz transportieren kann und der das Publikum zunächst für sich gewinnt. Russell brachte genau das mit.

celluloid: Er selbst hatte offenbar Bedenken?
Vanderbilt: Ja, er sagte mir später, die Rolle habe ihm Angst gemacht. Er fragte sich, ob man ihm vorwerfen könnte, die Figur zu verharmlosen. Aber er meinte auch: Wenn ihn etwas ängstigt, sei das oft ein Zeichen, dass er es tun sollte. Und er hat unglaublich hart gearbeitet.
celluloid: Auch sprachlich war die Rolle anspruchsvoll.
Vanderbilt: Absolut. Er hat intensiv mit einem Dialektcoach gearbeitet. Es ging nicht nur darum, Deutsch zu sprechen, sondern Deutsch, wie es 1945 gesprochen wurde. Zudem musste er sich in einer Sprache ausdrücken, die nicht seine eigene ist – das ist eine enorme Herausforderung. Ironischerweise war die erste Szene, die wir gedreht haben, auch gleich die mit dem meisten deutschen Text.
celluloid: Wie sah Ihre Recherche für den Film aus?
Vanderbilt: Sehr umfassend. Ich habe viele Dokumentationen gesehen, Archivmaterial studiert und natürlich auch den Film „Judgment at Nuremberg“ erneut angeschaut. Die Prozesse selbst sind heute online verfügbar. Außerdem hat unser Produktionsteam den Gerichtssaal so detailgetreu wie möglich rekonstruiert.

celluloid: Der Film lebt stark von Dialogen. Wie haben Sie ihn visuell spannend gehalten?
Vanderbilt: Wir haben das wie einen verbalen Schlagabtausch behandelt – fast wie ein Duell. Gleichzeitig wollten wir visuell vermeiden, dass es statisch wirkt. In der Gefängniszelle haben wir bewusst eine klaustrophobische Atmosphäre geschaffen, indem wir die Kamera nicht „durch Wände“ bewegt haben, es war tatsächlich eine Zelle, ohne verschiebbare Wände wie in einem Studio.
celluloid: Sie sind sowohl Autor als auch Regisseur. Wie beeinflussen sich diese Rollen gegenseitig?
Vanderbilt: Sie stehen oft im Widerspruch. Ich habe scherzhaft gesagt: „Jetzt spricht der Autor, jetzt der Produzent, jetzt der Regisseur.“ Jeder denkt anders. Beim Schreiben musste ich mich von klassischen Strukturen lösen und der Geschichte folgen. Als Regisseur wiederum merke ich oft, dass Schauspieler mit einem Blick mehr ausdrücken können als mit einem Absatz Text. Dann wird reduziert, verdichtet.
celluloid: Hat sich das Drehbuch während der Dreharbeiten stark verändert?
Vanderbilt: Nicht grundlegend. Aber innerhalb der Szenen gab es Anpassungen – Pausen, Kürzungen, kleine Verschiebungen. Wenn man mit so starken Schauspielern arbeitet, entsteht vieles im Moment. Man erkennt, was funktioniert, und vertraut darauf.
celluloid: Was macht für Sie letztlich den Reiz solcher Filme aus?
Vanderbilt: Gerade weil sie schwer umzusetzen sind, sind sie oft die lohnendsten. Es sind Geschichten, die man unbedingt erzählen möchte – auch wenn der Weg dorthin kompliziert ist.
