Die Preise sind vergeben! Das Linzer Filmfestival Crossing Europe hat sich in diesem Jahr in vielgestaltigem künstlerischen Ansatz dem Thema „Familiengeschichten“ gewidmet – quer durch alle Sektionen und Genres. Hier die drei (vier!) Hauptpreisträger in einer kurzen Vorstellung:
CROSSING EUROPE Award – Best Fiction Film:
GEWINNER (ex aequo): RENOVACIJA / RENOVATION Gabrielė Urbonaitė, Litauen / Belgien / Lettland 2025, color; 90 Minuten; Litauisch / Englisch / Ukrainisch / Norwegisch

In Vilnius liegt ein leises Unbehagen in der Luft – gespeist von der Nähe zum Krieg, aber auch von jenen Fragen, die sich nicht auslagern lassen. Für Ilona rückt mit dem dreißigsten Geburtstag eine persönliche Bilanz in den Vordergrund: Was ist erreicht, was bleibt vage? Die neue Wohnung im Plattenbau, bezogen mit Matas, wirkt wie ein Versprechen auf Zukunft. Doch zwischen Renovierung und Beziehung zeigt sich schnell, wie brüchig solche Entwürfe sein können. Der äußere Umbau spiegelt einen inneren: nichts ist endgültig, vieles im Fluss. So entsteht ein leiser, genauer Blick auf Lebenspläne, die sich an der Wirklichkeit reiben – und sich dabei womöglich in etwas anderes verwandeln, als ursprünglich gedacht.
SVEČIAS / THE VISITOR Vytautas Katkus, Litauen /Norwegen/Schweden 2025, color; 115 Minuten; Litauisch / Norwegisch / Englisch

Danielius kehrt in diesem Film, der zunächst als Ersatz gedacht war, zurück – nicht aus Sehnsucht, sondern aus Notwendigkeit. Mitte dreißig, frisch Vater geworden, reist er aus Norwegen nach Litauen, um die Wohnung der Eltern zu verkaufen. Was nach einem rasch erledigten Vorhaben klingt, dehnt sich aus, verliert an Dringlichkeit. Die Stadt, einst vertraut, entzieht sich ihm. Begegnungen mit alten Freunden bleiben tastend, fast beiläufig, als ließe sich Vergangenes nicht einfach wieder aufrufen. Zwischen Stillstand und leiser Entfremdung entfaltet sich ein Zustand, in dem Zeit weniger vergeht als vielmehr stehen bleibt. Vytautas Katkus erzählt das in ruhigen, beinahe schwebenden Bildern – ein Film, der weniger voranschreitet als innehält und dabei jene feinen Risse sichtbar macht, durch die Erinnerung, Identität und Gegenwart ineinanderfließen.
CROSSING EUROPE Audience Award – Best Fiction Film:
GEWINNER: KARAVAN / CARAVAN Zuzana Kirchnerová, Tschechien/Slowakei/Italien 2025, color; 102 Minuten; Tschechisch / Italienisch / Slowakisch / Englisch

Ester trägt die Verantwortung allein. Ihr Sohn David fordert sie – nicht nur durch seine Behinderung, sondern auch durch eine Energie, die sich im Aufbruch der Pubertät kaum bändigen lässt. Als eine Einladung nach Italien in ein kleines Desaster kippt, wird aus der Reise eine Fluchtbewegung. Im improvisierten Unterwegssein öffnet sich ein anderer Möglichkeitsraum. Mit Zuza tritt eine Leichtigkeit ins Bild, die Ester fremd geworden ist – und gerade deshalb umso schmerzlicher wirkt. Zwischen Gelegenheitsjobs und flüchtigen Sommernächten blitzt ein Leben auf, das ebenso verlockend wie unerreichbar scheint. Doch die Idylle bleibt fragil. Was sich wie ein Ausbruch anfühlt, steht unter Vorbehalt – und die Frage, wie lange sich dieser Schwebezustand halten lässt, drängt sich unausweichlich auf.
CROSSING EUROPE Social Awareness Award – Best Documentary Film:
GEWINNER: KDYBY SE HOLUBI PROMĚNILI VE ZLATO /IF PIGEONS TURNED TO GOLD Pepa Lubojacki, Tschechien/Slowakei 2026, color; 110 Minuten; Tschechisch / Englisch

Ist sie verdorben – oder vielmehr gezeichnet? Pepa Lubojacki richtet den Blick auf ihre eigene Familie und verweigert sich einfachen Antworten. Bruder und Cousins, alle von Sucht und Obdachlosigkeit geprägt, stehen exemplarisch für eine Geschichte, die sich über Generationen fortschreibt. Der Film tastet sich essayistisch voran, verbindet Archivmaterial mit verfremdeten Kindheitsbildern und unmittelbaren Handyaufnahmen. Was dabei entsteht, ist kein geschlossenes Narrativ, sondern ein vielschichtiger Versuch, Ursachen sichtbar zu machen, ohne sie zu glätten. Zwischen nüchterner Analyse und persönlicher Nähe öffnet sich ein Raum, in dem Sucht nicht isoliert erscheint, sondern als Teil eines größeren Gefüges – und in dem der Blick auf den Menschen hinter der Krankheit zur eigentlichen Herausforderung wird.
Sarah Riepl
