„Everytime“ gewinnt Prix Certain Regard in Cannes

„Everytime“ der steirischen Filmemacherin Sandra Wollner hat Kritiker und Publikum gleichermaßen begeistert – es gab minutenlange Standing Ovations für den Film aus der Reihe „Un certain regard“. Und nun ist der Film auch mit dem Prix Certain Regard ausgezeichnet worden.

Von Matthias Greuling, Cannes

Sandra Wollners Everytime ist ein Film über das, was nicht vergeht. Die Trauer, die innere Verwüstung nach dem Tod eines geliebten Kindes. Die Leere, die bleibt, wenn jemand nicht mehr da ist. Wollner wurde am Freitag mit dem Prix Certain Regard ausgezeichnet, es ist der Hauptpreis der zweitwichtigsten Festivalschiene im offiziellen Programm.

Eine Mutter, eine Tochter, ein jugendlicher Bursche: Sie sind die Übergebliebenen, die mit dem Tod der Tochter, großen Schwester, Freundin fertig werden müssen, nachdem diese vom Dach gestürzt ist. Aus dieser kleinen, fragilen Konstellation baut Wollner kein Familiendrama im üblichen Sinn, sondern eine Versuchsanordnung. Nach der Tragödie fahren diese Figuren nach Teneriffa, auf eine Reise, die offenbar etwas nachholen soll, was längst unmöglich geworden ist. Urlaub, Versöhnung, Normalität — lauter Wörter, die in diesem Film klingen, als wären sie aus einem Prospekt gerissen und in eine Wunde gelegt worden.

Sandra Wollner beim Interview mit celluloid in Cannes. Foto: Katharina Sartena

Wollner interessiert sich nicht für Erklärungen. Sie setzt auf Verschiebungen, auf Zwischenräume, auf die unheimliche Präzision von Blicken, die einander suchen und doch ausweichen. Vergangenheit und Gegenwart schieben sich ineinander, ohne dass der Film daraus ein Rätselspiel machen müsste. Das Verstörende an Everytime liegt gerade darin, dass er nicht blufft. Er zeigt, wie das Leben weitergeht.

Birgit Minichmayr spielt diese Mutter nicht als leidende Figur, sondern als Mensch unter Druck: kontrolliert, aber von inneren Nachbeben durchzogen. Ihre Stärke liegt im Verzicht auf Ausbruchsrhetorik. Kein großes Beben, kein Theaterdonner — eher ein Haarriss im eigenen Funktionieren. Um sie herum entsteht ein Klima aus Schuld, Scham und unausgesprochenem Begehren nach Entlastung. Wollner zeigt, wie Nähe zur Zumutung wird, wenn niemand mehr weiß, wer wem noch etwas schuldet.

Bemerkenswert ist, wie der Film die sonnige Oberfläche gegen sich selbst wendet. Teneriffa erscheint nicht als Fluchtpunkt, sondern als grell ausgeleuchteter Ort der Unentrinnbarkeit. Das Licht tröstet nicht; es legt bloß. Es gibt in Everytime keinen Schatten, in dem man sich moralisch verstecken könnte. 

Das mag manchen zu spröde, zu kontrolliert, zu kühl erscheinen. Tatsächlich ist Wollners Kino kein Kino des Entgegenkommens. Es nimmt dem Publikum die gewohnten Geländer weg: psychologische Eindeutigkeit, dramatische Entladung, saubere Schuldverteilung. Ein Film, der nicht erklärt, was Trauer ist, sondern zeigt, wie sie sich mit der Zeit verändert. Das ist der Schlüssel zu diesem außergewöhnlichen Drama, das hier frenetisch gefeiert wurde: Am Ende bleibt kein Trost, aber eine seltene Form von Klarheit: Manche Ereignisse liegen nicht hinter uns. Sie ändern nur ihre Form.

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