Der rumänische Filmemacher Cristian Mungiu ist bei den 79. Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden. Sein Film „Fjord“ setzte sich im Wettbewerb gegen 21 weitere Beiträge durch. Der Regiepreis und die Darstellerpreise wurden allesamt geteilt.
Von Matthias Greuling, Cannes
Für Mungiu bedeutet der Preis einen besonderen Meilenstein: Bereits 2007 hatte er mit „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ die Goldene Palme gewonnen. Mit seinem neuerlichen Sieg gehört er nun zu jenem kleinen Kreis von Regisseurinnen und Regisseuren, die Cannes zweimal mit dem Hauptpreis verlassen konnten (wie aus Österreich etwa Michael Haneke).
Die Jury stand in diesem Jahr unter dem Vorsitz des südkoreanischen Regisseurs Park Chan-wook, der international vor allem durch seinen Thriller „Oldboy“ bekannt wurde. Der Wettbewerb war geprägt von einem steigenden Qualitätsniveau, ohne dass sich im Vorfeld ein eindeutiger Favorit abgezeichnet hätte. Umso stärker wurde die Entscheidung für „Fjord“ als klares Signal wahrgenommen.
Inhaltlich beschäftigt sich „Fjord“ mit einer rumänisch-norwegischen Familie, die in ein abgelegenes Dorf in Norwegen zieht. Die Eltern, gespielt von Sebastian Stan und Renate Reinsve, leben streng religiös und ziehen gemeinsam fünf Kinder groß. Als bei einer Tochter Verletzungen entdeckt werden, gerät das Paar in den Verdacht, das Kind misshandelt zu haben. Der Film entwickelt daraus ein moralisch vielschichtiges Drama über Familie, Erziehung, religiöse Überzeugungen und kulturelle Spannungen. Mungiu selbst bezeichnete das Werk in seiner Dankesrede als Ausdruck seines Engagements gegen Radikalismus.

Auch die weiteren Hauptpreise gingen an prominente Namen des europäischen Autorenkinos. Der Große Preis der Jury, die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals, wurde an den russischen Regisseur Andrej Swjaginzew für „Minotaur“ vergeben. Der gesellschaftskritische Thriller erzählt von einem russischen Geschäftsmann, dessen berufliche und private Welt ins Wanken gerät. Zugleich verknüpft der Film diese Geschichte mit der Gegenwart des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Swjaginzew richtete bei der Preisverleihung eine Botschaft an Wladimir Putin und forderte ein Ende des Krieges.
Der Preis der Jury ging an die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach für „Das geträumte Abenteuer“. Bei dem Film handelt es sich um eine internationale Koproduktion zwischen Deutschland, Frankreich, Bulgarien und Österreich. Grisebach, die bereits mit Werken wie „Western“ international Aufmerksamkeit erhielt, wurde damit erneut in Cannes ausgezeichnet.

Eine Besonderheit gab es beim Preis für die beste Regie: Er wurde geteilt. Ausgezeichnet wurden einerseits die spanischen Filmemacher Javier Calvo und Javier Ambrossi für „The Black Ball“ beziehungsweise „La bola negra“, andererseits der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski für „Vaterland“ beziehungsweise „Fatherland“. Pawlikowskis Film, in dem auch Sandra Hüller mitwirkt, erzählt von einem Roadtrip von Thomas Mann und Erika Mann durch das zerstörte Nachkriegsdeutschland im Jahr 1949.
Der Preis für das beste Drehbuch ging an den französischen Regisseur Emmanuel Marre für „A Man of His Time“. Der Film verarbeitet einen Teil seiner Familiengeschichte während des Zweiten Weltkriegs in Frankreich. Marre gilt mit diesem zweiten Spielfilm nach seinem Erfolg in der Critics’ Week 2021 weiter als aufstrebende Stimme des französisch-belgischen Kinos.
Auch bei den Schauspielpreisen entschied sich die Jury für geteilte Auszeichnungen. Als beste Schauspieler wurden Emmanuel Macchia und Valentin Campagne für ihre Rollen in „Coward“ von Lukas Dhont geehrt. Der Film erzählt von zwei Soldaten im Ersten Weltkrieg, die sich ineinander verlieben. Den Preis für die besten Schauspielerinnen erhielten Virginie Efira und Tao Okamoto für „All of a Sudden“ von Ryusuke Hamaguchi, ein leises Drama über zwei Frauen, deren Begegnung ihr Leben verändert.

Eine weitere Würdigung erhielt Barbra Streisand, der eine Goldene Ehrenpalme verliehen wurde. Wegen einer Knieverletzung konnte die US-Künstlerin den Preis nicht persönlich entgegennehmen und bedankte sich per Videobotschaft. Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert würdigte Streisands außergewöhnliche Karriere als Schauspielerin, Sängerin und Regisseurin. Streisand spielte in 19 Kinofilmen, führte bei drei Filmen Regie, gewann zwei Oscars und wurde als erste Frau mit einem Golden Globe für die beste Regie ausgezeichnet.
Für den österreichischen Wettbewerbsbeitrag „Gentle Monster“ von Marie Kreutzer gab es hingegen keine Auszeichnung. Der Film, in dem unter anderem Lea Seydoux, Laurence Rupp und Catherine Deneuve mitwirken, nähert sich dem schweren Thema Kindesmissbrauch. Erfolgreich war Österreich dennoch in einer anderen Sektion: Sandra Wollner gewann mit „Everytime“ den Hauptpreis in „Un Certain Regard“, der zweitwichtigsten Sektion des Festivals.
Damit endete Cannes 2026 mit einer Preisliste, die viele internationale Namen des europäischen und weltweiten Autorenkinos vereinte. Im Mittelpunkt stand jedoch klar Cristian Mungiu: Mit „Fjord“ bestätigte der rumänische Regisseur nicht nur seinen Rang als einer der prägenden europäischen Filmemacher der Gegenwart, sondern schrieb auch Festivalgeschichte, indem er zum zweiten Mal die Goldene Palme gewann.
