Valeska Grisebachs „Das geträumte Abenteuer“: Western ohne Duell

Am Anfang von Valeska Grisebachs neuem Film „Das geträumte Abenteuer“ kommt ein markanter Mann in eine staubige Grenzstadt. Er war jahrelang fort. Die Stadt hat sich verändert, und auch er ist nicht mehr derselbe. Es wirkt wie der Auftakt eines Westerns.

Von Matthias Greuling, Cannes

Das ist kein Zufall. Wie Grisebach im Gespräch mit Variety vor der Weltpremiere des Films im Wettbewerb von Cannes erklärt, entstand die Idee nach den Dreharbeiten zu ihrem Film „Western“ in Bulgarien. Schon damals nutzte sie das Genre, um das osteuropäische Land zu erkunden. „Das geträumte Abenteuer“ spielt an der Grenze zwischen Bulgarien und der Türkei. Der Film blickt auf die schwierige Gegenwart des Landes, verfolgt aber auch die Wurzeln heutiger Probleme zurück in die 1990er-Jahre. Nach dem Ende des Kommunismus entstand damals ein Machtvakuum, das von mafiösen Strukturen gefüllt wurde.

Veska, gespielt von Yana Radeva, und Said, gespielt von Syuleyman Letifov, in „Das geträumte Abenteuer“. Foto: Festival de Cannes

Zunächst scheint der Film dem geheimnisvollen Rückkehrer Said zu folgen. Doch dann verschwindet er, und die Perspektive verschiebt sich zu Veska, einer Freundin aus seiner Jugend. Veska ist Archäologin und in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um Ruinen einer antiken Zivilisation freizulegen. Durch Veska sieht man die Stadt und ihre angeschlagenen Bewohner, die am Rand einer transnationalen Wirtschaft leben. Diese Wirtschaft scheint an ihnen vorbeigezogen zu sein — so wie auch der Ort selbst durch eine neue Autobahn an Bedeutung verloren hat, die Europa mit der Türkei verbindet.

Der Film entwirft zwei Welten: die Nacht und den Tag. Die Nacht ist gefährlich und bedrohlich, verspricht aber zugleich Vergnügen. Der Tag dagegen wirkt vergleichsweise ereignislos. Damals wie heute gehört die Nacht den Männern. Dennoch fühlen sich Frauen wie Veska in den 1990er-Jahren und die Jugendliche Maria in der Gegenwart von dieser Halbwelt angezogen.

Grisebach beschreibt diese Faszination als ambivalent. Die Nacht der 1990er sei von Männern beherrscht und gefährlich gewesen, sagt sie. Gleichzeitig könne sie verstehen, warum Frauen daran teilhaben wollten: an einer Welt aus Machtverhältnissen, Geld, Sexualität, Feiern und Spaß. Es gehe auch um den Wunsch zu sagen: „Ich kann auch dorthin gehen.“

Tagsüber gräbt Veska auf der archäologischen Stätte nach Spuren der Vergangenheit. Nachts bewegt sie sich in der Unterwelt der Stadt, die weitgehend vom lokalen Mafiaboss Iliya kontrolliert wird. Veska kennt Iliya aus den 1990er-Jahren, einer Zeit, die er als „Goldenes Zeitalter der Männer“ bezeichnet. Damals kämpften rivalisierende Banden um die Kontrolle über die Stadt und das Land. Heute hat Veska keine Angst mehr vor ihm.

Der Western bleibt im Film als Einfluss spürbar, doch Grisebach unterläuft zentrale Erwartungen des Genres. Normalerweise würde man ein Duell erwarten. Alles scheint darauf hinauszulaufen, dass Veska und Iliya einander offen gegenübertreten oder Said wie ein später Shane zurückkehrt, um alles zu retten. Doch in diesem Film sind Worte die Munition, nicht Kugeln. Auf dem Spiel steht nicht eine Ranch, sondern die Wahrheit.

Grisebach interessiert sich dabei weniger für den klassischen Konflikt als für Machtverhältnisse. Sie fragt danach, wer stark ist und wer schwach, wer oben steht und wer unten, wer handelt und wer benutzt wird.

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