Cannes und die Bruchstellen in der Familie

In Cannes sieht man zur Halbzeit viele Filme, die Nachwirkungen von Katastrophen auf die Familie zum Thema haben.

Von Matthias Greuling, Cannes

Zur Halbzeit der Filmfestspiele von Cannes zeichnet sich ein bemerkenswerter Trend ab: Viele der bislang diskutierten Filme erzählen nicht mehr vom großen gesellschaftlichen Umbruch als Panorama, sondern von seinen Nachbeben im Privaten. Familien, Geschwister, Eltern und Kinder werden zu Versuchsanordnungen, in denen sich Schuld, Trauer, Gewalt, Erinnerung und technologische Verunsicherung verdichten. Auffällig ist auch, wie stark das Programm zwischen klassischem Autorenkino und Genre arbeitet: Science-Fiction, Mafiafilm, Monsterhorror, Kriegsdrama und Familiendrama werden nicht als reine Erzählmaschinen benutzt, sondern als Formen, um Kontrollverlust sichtbar zu machen.

„Sheep in the Box“ von Hirokazu Kore-eda (Foto: Festival de Cannes)

Sheep In The Box von Hirokazu Kore-eda wirkt in diesem Zusammenhang wie ein Schlüsselwerk der ersten Festivalhälfte: ein nahes Zukunftsszenario über ein Paar, das den verlorenen Sohn in Form eines künstlichen Kindes zurückerhält. Die Kritik beschreibt den Film als sanfte, teils sentimentale Reflexion über Trauer, Elternschaft und die Zumutung des Loslassens. Kore-eda interessiert sich weniger für die technische Spekulation als für die emotionale Frage: Was passiert, wenn ein Ersatzkörper alte Wunden nicht schließt, sondern neu öffnet? Gerade darin liegt aber offenbar auch die Schwäche des Films: Seine philosophischen Gedanken über KI, Erinnerung und Familie wirken als zu süßlich und musikalisch überbetont.

Adam Driver ist der Star von James Grays „Paper Tiger“. Foto: Katharina Sartena

Paper Tiger von James Gray schlägt eine ganz andere Tonlage an, bleibt aber ebenfalls im Kreis familiärer Loyalitäten. Der Film erzählt von zwei Brüdern in Queens, die in ein riskantes Geschäft mit der russischen Mafia hineingezogen werden. Adam Driver spielt den großspurigen, aber innerlich brüchigen Gary, Miles Teller dessen vorsichtigeren Bruder Irwin. Man kann vor allem die Darsteller und Grays sichere Hand für Atmosphäre loben, sieht aber auch vertraute Motive: beschädigte Männer, amerikanischer Aufstiegsmythos, Schuld und Selbsttäuschung. Interessant ist, dass der Film den Thriller offenbar weniger über Action als über wachsenden Druck organisiert – ein Noir der kleinen Fehlentscheidungen.

Javier Bardem spielt in „The Beloved“ einen Filmregisseur. (Foto: Katharina Sartena)

The Beloved von Rodrigo Sorogoyen ist einer der stärkeren Beiträge dieser Zwischenbilanz. Der Film handelt von einem gefeierten Regisseur, der seine entfremdete Tochter in seinem neuen Film besetzt – ein Generationenkonflikt, aber auch eine Studie über Macht am Set. Javier Bardem als Regisseur schwankt zwischen Charisma, Tyrannei und Kontrollverlust schwankt. Sorogoyen arbeitet mit wechselnden Formaten, Materialien und Perspektiven, was zunächst irritierend wirken mag, aber zum Thema passt: Wahrheit ist hier nicht stabil, sondern abhängig von Blickwinkeln, Rollen und Machtpositionen. Der Film scheint den Cannes-Trend 2026 klar zu bündeln: Die Familie ist kein Schutzraum, sondern ein Ort, an dem alte Gewaltverhältnisse sichtbar werden.

„Hope“ von Na Hong-jin bringt den Monsterfilm an die Croisette. Foto: Festival de Cannes

Hope von Na Hong-jin bringt den Monsterfilm zurück nach Cannes – allerdings als brutale Versuchsanordnung über Gewalt, Angst und menschliche Dummheit. Es ist ein lärmendes, blutiges, stellenweise überlanges Genre-Stück, dessen erste Stunde am stärksten funktioniert, gerade weil das Grauen zunächst unsichtbar bleibt. Sobald die Kreaturen häufiger gezeigt werden, verlieren sie an Wirkung. Trotzdem ist alles effektvoll, wuchtig und zynisch: Die eigentlichen Monster sind nicht nur die Wesen, die ein Dorf terrorisieren, sondern auch die Menschen, die mit Panik, Waffen und Rache reagieren. In der Halbzeitbilanz steht Hope für die Rückkehr des Körperkinos – laut, blutig, unsubtil, aber mit politischem Unterton.

Laszlo Nemes kehrt mit „Moulin“ an die Croisette zurück. Foto: Festival de Cannes

Moulin von László Nemes führt die Tendenz zur historischen Verdichtung fort. Der Film über den französischen Résistance-Kämpfer Jean Moulin setzt nicht auf Biopic-Glanz, sondern auf Enge, Finsternis und moralischen Druck. Nemes interessiert sich für Widerstand nicht als heroische Pose, sondern als körperlichen und geistigen Ausnahmezustand. Besonders stark scheint der Film dort zu sein, wo er Gefangenschaft, Angst und Unsicherheit nicht erklärt, sondern atmosphärisch erfahrbar macht. Wie schon in Son of Saul wird Geschichte nicht aus der Distanz betrachtet, sondern als beklemmender Nahraum, in dem jede Entscheidung existenziell ist.

Auch aus österreichischer Sicht ist diese Cannes-Ausgabe auffällig stark. Gentle Monster von Marie Kreutzer läuft im Wettbewerb und reiht sich thematisch nahtlos ein: Wieder geht es um Familie, Schuld, Nähe und die Frage, was Menschen über jene wissen wollen – oder nicht wissen wollen –, die sie lieben. Der Film erzählt von Lucy, einer Konzertpianistin, deren Familienleben nach einer polizeilichen Intervention zerbricht; sie muss sich zwischen Loyalität, Selbstschutz und dem Schutz ihres Kindes bewegen. Mehr dazu hier.

Eine Schlüsselszene aus Sandra Wollners „Everytime“. Foto: Festival de Cannes

Everytime von Sandra Wollner läuft in Un Certain Regard und erweitert die österreichische Präsenz um eine leisere, psychologischere Variante desselben Grundthemas. Der Film erzählt von einer Mutter (Birgit Minichmayr), die ihre Tochter verliert; eine Reise nach Teneriffa wird zu einem nicht gelebten Familienurlaub, in dem Vergangenheit und Gegenwart ineinander übergehen. Sehr reduziert verhandelt der Film Gefühle von Schuld und Ohnmacht – ein weiterer Beweis für Wollners feines Gespür für Zwischenmenschlichkeiten.

Sandra Wollner beim celluloid-Interview in Cannes. Foto: Katharina Sartena

Cannes 2026 zeigt ein Kino der Nachwirkungen. Nicht die Katastrophe selbst steht im Zentrum, sondern das, was sie in Familien, Paaren, Geschwisterbeziehungen und Gemeinschaften freilegt. Ob KI-Kind, Mafiafalle, Filmset, Monsterangriff, Résistance-Verhör oder Missbrauchsverdacht – die Filme fragen immer wieder, wie Menschen reagieren, wenn ihre vertrauten Ordnungen kollabieren. Cannes sucht in diesem Jahr offenbar nicht nach Trost, sondern nach den Rissen, durch die die Gegenwart sichtbar wird.

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