Venedig gehört auch George Clooney

Zum Auftakt der 83. Filmfestspiele zeigt sich der Lido wieder von seiner schönsten Seite – und ehrt mit dem Goldenen Löwen einen Mann, der längst selbst zur Geschichte der Mostra gehört.

Von Matthias Greuling, Venedig

Es gibt Stars in Venedig. Und es gibt George Clooney in Venedig. Das ist inzwischen etwas ganz anderes. Clooney gehört zum Lido beinahe so selbstverständlich wie die Wassertaxis, die leicht übermüdeten Journalisten vor dem Palazzo del Cinema, der erste Espresso am Morgen und jenes eigentümliche Gemisch aus spätsommerlicher Hitze, Meerluft und rotem Teppich, das die Filmfestspiele von Venedig seit Jahrzehnten umweht.

Wenn er auftaucht, wirkt es deshalb weniger wie ein Besuch als wie eine Rückkehr. Clooney versteht diese Bühne. Er muss um Aufmerksamkeit nicht kämpfen, er besitzt sie längst. Ein dunkler Anzug, das inzwischen silbergraue Haar, dieses unverwechselbare Lächeln – und vor allem jene entspannte Eleganz, die in einer Branche, die permanent nach Jugend und Neuigkeit fahndet, beinahe altmodisch souverän wirkt. In Venedig darf Hollywood noch Hollywood sein, und Clooney ist einer der wenigen Stars, die diese Vorstellung nicht ironisch brechen müssen.

Viel Andrang beim Fototermin mit George Clooney auf dem Lido. Foto: Jacopo Salvi/La Biennale

Dass ausgerechnet er zum Auftakt der 83. Mostra den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhält, hat deshalb etwas verblüffend Folgerichtiges. Festivaldirektor Alberto Barbera würdigt damit nicht nur den Schauspieler, sondern ausdrücklich auch den Regisseur und Produzenten Clooney. Laura Dern hielt bei der Eröffnungszeremonie die Laudatio. Clooney selbst nahm die Auszeichnung mit dem ihm eigenen Humor auf: Venedig sei ohne Frage sein Lieblingsfestival – und ein Preis fürs Lebenswerk bedeute vermutlich auch, dass er alt geworden sei, so der 65-Jährige.

Dabei ist seine Geschichte mit der Mostra tatsächlich lang. „Good Night, and Good Luck“ brachte er 2005 als Regisseur nach Venedig, später folgten unter anderem „The Ides of March“, „Gravity“, 2024 „Wolfs“ und im vergangenen Jahr Noah Baumbachs „Jay Kelly“. Venedig war für Clooney immer beides: Schaufenster für die Arbeit und eine Bühne für jene Form von Stardom, die hier besser funktioniert als irgendwo sonst. Cannes mag glamouröser posieren, Berlin intellektueller argumentieren – Venedig aber besitzt dieses irrationale Verhältnis zwischen Kino und Schönheit. Und Clooney passt hinein.

Interessant ist, dass er ausgerechnet an diesem Eröffnungstag auch über die veränderte Rolle solcher Festivals spricht. In einem Gespräch auf dem Lido wurde er auf die auffallend schwache Präsenz der großen US-Studios im diesjährigen Programm angesprochen. Seine Erklärung ist bemerkenswert nüchtern: Die Studios produzierten zunehmend Filme, die den „Launchpad“ eines Festivals gar nicht mehr benötigten. Gemeint sind natürlich die Franchise-Welten, Fortsetzungen und bekannten Marken, deren Publikum schon feststeht, bevor irgendwo ein Kritiker den Kinosaal betreten hat.

Das ist durchaus eine kleine Diagnose des gegenwärtigen Hollywood. Die 83. Mostra kommt in diesem Jahr mit weniger klassischer Studio-Power aus und setzt dafür stärker auf internationales Autorenkino. Festivaldirektor Barbera hat dennoch Namen wie Werner Herzog, Hirokazu Kore-eda, Lee Chang-dong, Nanni Moretti oder Martin McDonagh versammelt. Eröffnet wurde das Festival mit Danny Boyles „Ink“, einer Verfilmung des Theaterstücks von James Graham über den Aufstieg Rupert Murdochs und der britischen Boulevardzeitung The Sun, mit Guy Pearce, Jack O’Connell und Claire Foy.

Und Clooney? Der denkt inzwischen offenbar weniger in Karriereschritten als in Lebenszeit. Auch über das Regieführen sprach er in Venedig erstaunlich offen. Der Grund, warum er derzeit keinen neuen Film inszenieren wolle, sei nicht mangelnde Lust, sondern seine Familie. Als Schauspieler könne er einige Monate drehen und zwischendurch nach Hause reisen; eine Regiearbeit nehme ihn praktisch ein Jahr in Anspruch. Mit zwei neunjährigen Kindern sei ihm diese Zeit inzwischen zu kostbar. Gerade deshalb, sagt Clooney, mache ihm das Schauspielern wieder mehr Spass. Er bezeichnet sich mittlerweile augenzwinkernd als „character actor“. Die ganz grossen Rollen können kommen oder ausbleiben, ein weiterer Regieerfolg ebenso. Denn Clooney muss niemandem mehr etwas beweisen. Sein Verhältnis zum Kino wirkt dadurch fast entspannter als früher.

Und Venedig versteht solche Übergänge wie kaum ein anderes Festival. Hier werden Karrieren gestartet und Lebenswerke gefeiert, junge Regisseure sitzen neben Legenden im Vaporetto, während irgendwo hinter den Absperrgittern bereits um den besten Platz für das nächste Starfoto gestritten wird. Sobald am Abend die Lichter am Palazzo del Cinema angehen, verwandelt sich dieser etwas spröde Teil des Lido wieder für ein paar Stunden in jene Traumfabrik, die das Kino selbst längst kaum noch hervorbringt.

Dass George Clooney an diesem ersten Abend im Mittelpunkt steht, passt also ausgezeichnet. Denn manche Stars kommen nach Venedig, um einen Film zu präsentieren. George Clooney kommt nach Venedig – und plötzlich fühlt es sich wieder ein bisschen mehr nach Filmfestival an.

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