Wenn die Wirklichkeit den Lido übernimmt


Venedig liebt den Glamour. Doch bei der 83. Mostra drängt sich eine andere Form des Kinos auffallend weit nach vorne: der Dokumentarfilm. Elon Musk, Oasis, Gaza, der Mount Everest, neue Arbeitskämpfe und der Nahostkonflikt – einige der Filme, über die in diesen Tagen am meisten gesprochen wird, brauchen keinen roten Teppich. 

Von Matthias Greuling, Venedig

Es gehört zu den zuverlässigsten Ritualen der Filmfestspiele von Venedig, dass jeden Abend schwarze Limousinen vor dem Palazzo del Cinema halten und Menschen aussteigen, deren Erscheinen schon eine Schlagzeile ist. Kleider werden begutachtet, Gesten interpretiert, ein Lächeln kann binnen Minuten um die Welt gehen. So wie jenes von George Clooney, oder jenes seiner Frau Amal zur Eröffnung der Filmschau. Die Mostra versteht sich schließlich seit Jahrzehnten auf jene wunderbare Mischung aus Kino und gesellschaftlichem Theater, die Hollywood-Stars vor venezianischen Sonnenuntergängen noch ein wenig größer wirken lässt, als sie ohnehin sind.

Und doch könnte 2026 ausgerechnet jenes Kino zum eigentlichen Ereignis des Festivals werden, das sich traditionell weniger gut in Abendgarderobe fotografieren lässt: der Dokumentarfilm (und mit ihm gesellschaftlich relevante Themen).

Das beginnt bei einem Mann, der selbst längst größer geworden ist als die Unternehmen, die er führt. Alex Gibneys „Musk“ dauert beinahe vier Stunden – 225 Minuten samt zusätzlich ausgewiesener Pause – und nimmt sich Elon Musk vor, eine jener Figuren also, bei denen Biografie, Mythos, Technologie, Macht und öffentliche Selbstinszenierung längst kaum noch voneinander zu trennen sind. Gibney interessiert sich dabei ausdrücklich dafür, wie Musk sein eigenes Bild kontrolliert und wie aus dem Unternehmer eine weltanschauliche Projektionsfläche geworden ist. Ein Dokumentarfilm über einen Mann, der sein Leben selbst seit Jahren wie ein gigantisches Medienprodukt inszeniert: viel zeitgemäßer kann Kino kaum sein.

Szenenbild aus „Oasis: Don’t Look Back in Anger“. Foto: La Biennale di Venezia

Fast wie das emotionale Gegenprogramm dazu funktioniert „Oasis: Don’t Look Back in Anger“. Dylan Southern und Will Lovelace begleiten Liam und Noel Gallagher bei jener Wiedervereinigung, an die irgendwann vermutlich nur noch hartnäckige Optimisten geglaubt hatten. Zwölf Konzerte auf drei Kontinenten, erstmals seit mehr als 25 Jahren gemeinsame Interviews, Proben, Stadionbilder, alte Wunden: Der Film verspricht weniger die übliche Rockumentary als eine Familiengeschichte unter verschärften Bedingungen. Zwei Brüder, die einander jahrelang öffentlich bekämpften, treffen wieder aufeinander – und Zehntausende Menschen singen dazu die Lieder ihrer Jugend.

Schon daran lässt sich erkennen, wie weit sich der Dokumentarfilm von jener etwas biederen Vorstellung entfernt hat, er müsse vor allem erklären, einordnen und mit sachlicher Stimme aus dem Off die Welt sortieren. Das dokumentarische Kino von heute kann Popkonzert sein und politischer Sprengsatz, Expedition und intime Beichte, Geschichtsstunde und Gegenwartsdiagnose. Es hat längst die dramaturgische Freiheit des Spielfilms für sich beansprucht.

Besonders deutlich wird das in Venedig dort, wo die Gegenwart jede elegante Distanz verweigert. „NAZA“ von Yuval Abraham und Rachel Szor wurde kurzfristig in den Wettbewerb aufgenommen. Die beiden gehörten bereits zum Regieteam des Oscar-prämierten „No Other Land“; ihr neuer Film beschäftigt sich mit den Strukturen hinter der Tötung palästinensischer Zivilisten in Gaza und wurde auf den Dächern von Tel Aviv gedreht. Dass ein solcher Film nicht in einer dokumentarischen Nebenreihe verschwindet, sondern im Hauptwettbewerb antritt, ist mehr als eine programmatische Fußnote. Es zeigt, welchen Stellenwert Venedig dem dokumentarischen Blick inzwischen zutraut. 

„NAZA“ von Yuval Abraham und Rachel Szor läuft im Wettbewerb. Foto: La Biennale di Venezia

Der Reiz liegt gerade in den gewaltigen Gegensätzen. Während ein Film geopolitische Gewalt untersucht, führt ein anderer an einen Ort, der seit jeher selbst ein Mythos ist. In „Everest: The Other Side“ erzählen Elizabeth Chai Vasarhelyi und Jimmy Chin von den Extrembergsteigern Jim Morrison und Hilaree Nelson und ihrem Traum, die Nordwand des Everest zu bezwingen und auf Skiern wieder hinunterzufahren. Es ist eine Geschichte über sportlichen Größenwahn, Liebe, Verlust und jene merkwürdige menschliche Sehnsucht, ausgerechnet dort nach sich selbst zu suchen, wo ein einziger Fehler tödlich sein kann. 

Doku: „Everest: The Other Side“. Foto: La Biennale di Venezia

Und dann ist da Barbara Kopple. Die inzwischen legendäre Dokumentaristin kehrt mit „Union Town“ zu jenem Thema zurück, mit dem ihre Karriere einst begann: Arbeit und Macht. Nach „Harlan County U.S.A.“ und „American Dream“ richtet sie die Kamera diesmal auf Beschäftigte der New Yorker Zustellwirtschaft – auf UPS, Amazon und Fahrradboten, auf Gewerkschaften und auf die Frage, was Solidarität in einer Arbeitswelt überhaupt noch bedeutet, in der Geschwindigkeit zur Währung geworden ist und Menschen zunehmend gegen Algorithmen antreten. Drei Jahre lang wurde dafür gedreht. Das klingt fast altmodisch. Und gerade deshalb radikal.

Auch Amos Gitais „The Road to Jericho“ gehört in dieses auffallend politische Panorama. Der israelische Regisseur verbindet eine Reise durch Israel und das Westjordanland mit Erinnerungen, Archivmaterial und Begegnungen. Dass solche Filme in Venedig nebeneinander stehen können – Arbeiten aus israelischer, palästinensischer, ukrainischer oder russischer Perspektive –, gehört zu den nicht ganz ungefährlichen, aber notwendigen Aufgaben eines internationalen Festivals. Kino kann Konflikte nicht lösen. Es kann ihnen allerdings etwas zurückgeben, das im politischen Schlagabtausch häufig zuerst verloren geht: Widerspruch, Ambivalenz und Gesichter.

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