Vin Diesel war da, und für einen Moment klang die Croisette nicht nach Arthouse-Seufzer, sondern nach Motorhaube, Turbo-Benziner und Jubiläums-Hype.
Von Matthias Greuling, Cannes
Zum 25. Jubiläum von The Fast and the Furious rollten Diesel, Michelle Rodriguez und Jordana Brewster in Cannes an; bei der Sondervorführung des ersten Films stieß auch Meadow Walker, die Tochter des 2013 verstorbenen Paul Walker, zur alten Filmfamilie. Gezeigt wurde der Film als Mitternachtsscreening, also zu jener Stunde, in der Cannes gern so tut, als sei es ganz locker, während auf dem Teppich doch jeder Zentimeter choreografiert ist.

Das passte erstaunlich gut zu diesem Festivalauftakt, dem in diesem Jahr die großen Hollywood-Premieren fehlen. Wo sonst Superhelden, Streamer und Studios mit ihren PR-Karawanen auflaufen, musste Cannes seine eigene Zündkerze suchen — und fand sie ausgerechnet in Vin Diesel, dem Hohepriester der chromblitzenden Sentimentalität. Die Fast & Furious-Reihe hat weltweit über sieben Milliarden Dollar eingespielt; der elfte Teil, Fast Forever, ist für März 2028 angekündigt.

Vin Diesel genoss das Bad in der Menge sichtlich: Nicht jeder gealterte Hollywood-Star bekommt dermaßen viel Aufmerksamkeit und Zuspruch – gerade vor der Kulisse eines Arthaus-Festivals wie Cannes. Aber Diesel hat diesen Moment auch genüsslich ausgekostet – und die Mitternachtspremiere dadurch gleich um 40 Minuten verzögert.

Und dann zurück in die Säle, wo Cannes wieder das tut, was Cannes am besten kann: Filme zeigen, die selten hupen, dafür umso öfter innerlich kollidieren.
Charline Bourgeois-Tacquet eröffnet mit La vie d’une femme den Wettbewerb als Film der seelischen Operation. Die Chirurgin Gabrielle, von Léa Drucker gespielt, bekommt eine Schriftstellerin in den Dienst gestellt, die für ihr nächstes Buch recherchiert. Das klingt nach französischem Standard, wird aber als nervöse Studie beschrieben: eine Frau, die an ihrer Arbeit, ihren Sicherheiten, vielleicht auch an ihrer Selbstinszenierung zu zweifeln beginnt. Mélanie Thierry spielt die Autorin Frida; Charles Berling und Laurent Capelluto gehören ebenfalls zum Ensemble.

Das Interessante an La vie d’une femme scheint die Konstellation zu sein: nicht die große Katastrophe, sondern das leise Verrutschen der Haltung. Drucker bringt für solche Figuren die nötige Trockenheit mit; Thierry dürfte als beobachtende Störgröße genügend Eleganz und Gefahr in den Raum tragen. Der Film wirkt wie ein Bourgeoisie-Seismograf: keine Explosion, eher ein Haarriss im Parkett, unter dessen Oberfläche eine zwischen Stress und Alltag, Konventionen und missglückten Lebensentwürfen mäandernde Hauptfigur brodelt.

Ganz anders Jane Schoenbruns Teenage Sex and Death at Camp Miasma, der in der Reihe Un Certain Regard startet. Schon der Titel ist ein kleines Blutbad aus Ironie und Begehren. Schoenbrun erzählt von einer queeren Filmemacherin, die ein Slasher-Sequel drehen will und dafür die einstige „Final Girl“-Darstellerin engagieren möchte. Hannah Einbinder spielt die junge Regisseurin, Gillian Anderson die Ikone aus dem alten Horrorfilm. Es ist der Versuch, den Slasher von seinen alten transphoben und genderpanischen Mustern zu befreien. Schoenbrun hat mit We’re All Going to the World’s Fair und I Saw the TV Glow bereits gezeigt, dass digitale Einsamkeit, Popkultur und Identität bei ihr nicht dekorativ nebeneinanderstehen. Camp Miasma ist greller, blutiger, komischer — und Gillian Anderson als zurückgezogene Genre-Heilige ist ohnehin eine Besetzung, bei der Cannes kurz die Sonnenbrille abnehmen darf. Mubi bringt den Film im August heraus.

Pierre Salvadoris La Vénus électrique (der Eröffnungsfilm) bringt schließlich die Belle Époque ins Spiel. Paris 1928, Jahrmarkt, ein elektrischer Apparat, ein trauernder Maler, eine junge Frau, die zwischen Trick, Modell und Muse gerät: Ein schillernder, verwünschter Liebesroman mit Nostalgie-Beleuchtung.

Pio Marmaï, Anaïs Demoustier, Gilles Lellouche und Vimala Pons spielen; Salvadori inszeniert nach einem Buch, an dem Benoît Graffin und Benjamin Charbit beteiligt sind. Der Stoff hat Charme: Elektrizität, Trauer, Betrug, Kunst — alles Zutaten, aus denen eine Komödie funken könnte. Doch der Zauber taucht nicht wirklich auf – oftmals wird er von allzu viel Bemühen überlagert, auch eine Farce sein zu wollen.
