In Cannes dominieren die Männer

Gleich zum Start des Filmfestivals steht Festivalchef Thierry Frémaux in der Kritik, nicht mehr Filme von Frauen ausgewählt zu haben. Doch Frémaux verteidigt seine Auswahl.

Von Matthias Greuling, Cannes

Cannes beginnt, wie Cannes beginnen will: mit rotem Teppich, grellem Mittelmeerlicht, Windböen vor dem Palais des Festivals und dem Versprechen, dass hier für zwölf Tage das Kino noch einmal größer ist als die Welt da draußen. Doch in diesem Jahr haftet dem Glamour ein Widerspruch an. Das offizielle Plakat der 79. Filmfestspiele zeigt Susan Sarandon und Geena Davis als „Thelma & Louise“ – zwei Frauen auf der Flucht, zwei Kinofiguren, die seit 1991 als Sinnbild weiblicher Selbstermächtigung gelten. Gleichzeitig konkurrieren nur fünf Filme von Regisseurinnen um die Goldene Palme; insgesamt sind es 22 Wettbewerbsfilme. Im Vorjahr waren es sieben von 22.

Genau daraus entsteht die Spannung dieses Festivalauftakts: Cannes schmückt sich mit einem feministischen Mythos und muss sich zugleich fragen lassen, ob es Frauen im entscheidenden Schaufenster des Weltkinos noch immer zu selten auf Augenhöhe zulässt. Das Kollektiv 50/50, das sich seit Jahren für Gleichstellung in der Filmbranche einsetzt, spricht von „feminism washing“. In der von Le Monde zitierten Kritik klingt das Plakat wie ein schöner Vorhang vor einem weniger schönen Raum: ein Bild, das überall zu sehen sein wird, während die Zahlen im Wettbewerb eine andere Geschichte erzählen.

Thierry Frémaux (4.v.l., mit Asghar Farhadi, der heuer wieder im Wettbewerb steht) wehrt sich gegen Vorwürfe. Foto: Katharina Sartena

Thierry Frémaux, der mächtige Generaldelegierte des Festivals, hat diese Lesart am Vorabend der Eröffnung zurückgewiesen. Es gebe „absolut keinen Punkt“, an dem Cannes Geena Davis, Susan Sarandon oder Ridley Scotts Film gewählt habe, um sich ein feministisches Image zu geben, sagte er laut AFP/France 24. Auch eine Quote lehnt Frémaux ab: Die 2018 mit 50/50 unterzeichnete Charta erwähne keine Parität in der Auswahl; eine Quotenpolitik dürfe es „unter keinen Umständen“ geben. Zugleich betonte er, bei einem Gleichstand zwischen einem Film eines Regisseurs und dem einer Regisseurin würde Cannes den Film der Frau wählen.

Diese Replik ist typisch für die Institution Cannes: Sie verteidigt den Vorrang der Kunst, aber sie verteidigt damit auch ihre eigene Deutungshoheit. Frémaux verweist darauf, dass Frauen in der offiziellen Auswahl insgesamt besser vertreten seien als im Hauptwettbewerb: 34 Prozent der Regisseurinnen und Regisseure von Langfilmen im offiziellen Programm seien Frauen, mit Kurzfilmen steige der Anteil laut Festival auf 38 Prozent. „Die Zahlen zeigen, dass sich etwas bewegt, dass es langsam ist, dass es nicht genug ist“, sagte Frémaux.

Wieder für Sie beim Filmfestival in Cannes: Das celluloid-Team Katharina Sartena (Fotos) und Matthias Greuling (Texte). Foto: Sartena

Doch gerade der Wettbewerb ist in Cannes nicht irgendeine Sektion. Er ist das Schaufenster, in dem Karrieren beschleunigt, Autorenfilmer kanonisiert und Kinogeschichte sortiert werden. Deshalb trifft die Kritik den Kern des Festivals. Le Monde erinnert daran, dass der Anteil von Regisseurinnen über alle Sektionen hinweg bei rund 30 Prozent liege und damit unter dem Rekordwert von 2023. 50/50 sieht das Problem auch in fehlender Transparenz der Auswahlkomitees; die Semaine de la Critique, deren Komitee öffentlich ist, kommt demnach in diesem Jahr auf 55 Prozent Filme von Regisseurinnen.

So wirkt der Auftakt 2026 wie ein Festival zwischen Pose und Prüfung. Drinnen wird Park Chan-wook als Jurypräsident über die Palme entscheiden, flankiert von Namen wie Demi Moore, Chloé Zhao, Ruth Negga und Stellan Skarsgård. Draußen sortiert sich eine Branche, in der Hollywood auffallend leiser auftritt, während Politik, KI und geopolitische Konflikte die Gespräche prägen. AP beschreibt den Start als Festival, bei dem Politik, künstliche Intelligenz und Hollywoods veränderte Prioritäten im Zentrum stehen; selbst auf der Jury-Pressekonferenz wurde offen über Krieg, Boykott und die politische Verantwortung des Kinos gesprochen.

„La Vénus électrique“ von Pierre Salvadori und mit einer famosen Anaïs Demoustier eröffnete das Festival am Dienstag Abend. Foto: Festival de Cannes

Der Eröffnungsfilm „La Vénus électrique“ von Pierre Salvadori setzt dagegen bewusst auf Leichtigkeit: eine burleske romantische Komödie, angesiedelt im Paris des Jahres 1928, in der eine falsche Wahrsagerin, Suzanne, einen trauernden jungen Witwer und Maler, Antoine, täuscht – und damit ein Spiel aus Illusion, Begehren und Selbstbetrug in Gang setzt.

Formal scheint Salvadori auf ein altmodisch-elegantes Kino der Verstellung zu setzen: Jahrmarktszauber, Theatralik, Slapstick, schnelle Gefühlswechsel und ein Ensemble um Anaïs Demoustier, Pio Marmaï, Gilles Lellouche und Vimala Pons. Der Film läuft außer Konkurrenz.

Vielleicht ist das die eigentliche Stimmung dieses Cannes-Auftakts: nicht Skandal, nicht Aufruhr, sondern ein bisschen Komik vor dem Hintergrund der Tragik der Welt.

Hinterlasse einen Kommentar