Marie Kreutzer stellte im Wettbewerb ihren neuen Film „Gentle Monster“ vor.
Von Matthias Greuling, Cannes
Marie Kreutzers neuer Film „Gentle Monster“, der im Wettbewerb von Cannes am Freitag Abend viel Applaus bekam, nähert sich einem Stoff, vor dem das Kino oft zurückschreckt: dem Moment, in dem das Böse nicht als monströse Ausnahme erscheint, sondern als Teil des vertrauten Lebens. Nicht der Fremde im Gebüsch, nicht die Schreckensfigur aus der Ferne, sondern jemand, mit dem man Tisch, Bett, Kind und Zukunft geteilt hat. Kreutzer bringt diese Verschiebung des Grauens auf eine schlichte, umso unheimlichere Formel: „Es ist nicht der unheimliche Typ hinter dem Busch … Es könnte jemand sein, dem man vertraut.“

Im Zentrum steht Lucy, gespielt von Léa Seydoux, eine Musikerin, die mit ihrem Mann Philip (Laurence Rupp) und dem gemeinsamen Sohn aufs Land gezogen ist. Ein Versuch der Heilung, der Entschleunigung, vielleicht auch der familiären Rettung. Dann steht die Polizei vor der Tür. Philip wird verhaftet; der Verdacht: Besitz und Handel mit Darstellungen sexualisierter Gewalt gegen Kinder. Was folgt, ist ein seelisches Beben. Lucy sucht nach Gewissheiten, wo es nur Abgründe gibt — über ihren Mann, über ihr Kind, über sich selbst. Catherine Deneuve spielt ihre Mutter, eine Figur von kühler Autorität und lebenspraktischer Stütze.
Kreutzer interessiert sich dabei nicht für die Psychologie des Täters als spektakulären Sonderfall. Sie verschiebt den Blick auf jene, die um ihn herum leben mussten — und vielleicht nicht sehen wollten, was sich in der Nähe zusammenzog. Der Film fragt nach Loyalität, Verdrängung, Scham und nach der kaum erträglichen Tatsache, dass Liebe keinen moralischen Schutzraum schafft. „Das war eine Geschichte darüber, wie eine Gesellschaft, wie Menschen, die jemanden lieben, der so etwas getan hat, damit umgehen“, sagt Kreutzer dem Branchenblatt Variety.

Der Impuls zu „Gentle Monster“ kam aus der Lektüre eines Artikels über einen pädokriminellen Ring in Deutschland. Kreutzer beschreibt eine Hilflosigkeit, aus der schließlich künstlerischer Zwang wurde: „Ich fühlte mich danach einfach hilflos. Und ich hatte das Gefühl, dass das Einzige, was ich als Filmemacherin, als Erzählerin tun kann, ist, einen Film darüber zu machen.“ Kino erscheint hier nicht als Instanz der Lösung, sondern als Raum der Zumutung. Kreutzer will keine Antworten servieren: „Die Idee des Films ist es, Fragen zu stellen — uns als Gesellschaft Fragen zu stellen.“
Doch zwischen Idee und Film legte sich eine bittere Wirklichkeit. Denn Kreutzer hatte das Thema bereits entwickelt, als der Fall Florian Teichtmeister öffentlich wurde — jener Schauspieler, der in ihrem Cannes-Erfolg „Corsage“ (2022) Kaiser Franz Joseph verkörpert hatte und später wegen Besitzes von Missbrauchsdarstellungen Minderjähriger verurteilt wurde. Ausgerechnet ein Filmprojekt über die Erschütterung durch pädokriminelle Gewalt geriet damit in den Schatten eines realen Skandals aus dem Umfeld ihres vorangegangenen Werks. Kreutzer sagte damals sinngemäß, sie sei traurig und wütend, dass ein feministischer Film, an dem über 300 Menschen gearbeitet hätten, durch die Taten einer einzelnen Person beschädigt werden könne. Das geplante Projekt wurde dadurch nicht unmöglich, aber belastet: Plötzlich schien jede künstlerische Annäherung an das Thema mit der Wirklichkeit verstrickt, die man gerade erst zu begreifen versuchte.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Spannung von „Gentle Monster“. Der Film kommt nicht aus sicherer Distanz, sondern aus einem Gelände, das selbst kontaminiert wurde: durch Verdacht, öffentliche Debatte, moralische Zuschreibungen und die Frage, was ein Werk aushalten kann, wenn die Realität es einholt. Kreutzers Kino war schon in „Corsage“ ein Kino der Fassade — der gesellschaftlichen Rolle, des Körpers, des Bildes, das man von sich selbst erzeugt und an dem man zugrunde gehen kann. In „Gentle Monster“ radikalisiert sie diese Frage. Was geschieht, wenn das Bild eines geliebten Menschen zerbricht — und man in den Trümmern erkennt, dass man vielleicht zu lange weggesehen hat?

