Venedig: Triumphe, Reinfälle und sehr viel Kino

Die erste Festivalhälfte in Venedig ist vorbei – Zeit für eine Zwischenbilanz zwischen Euphorie, Erschöpfung und einem beinahe perfekten Film

Von Peter Beddies, Venedig (Mitarbeit: Matthias Greuling)

Irgendwann erreicht jedes Festival den Punkt, an dem die Tage ineinanderfließen. Man lebt zwischen Vaporetto, Pressevorführung, Espresso, zu wenig Schlaf und diesem seltsamen Zustand, in dem der Kopf schon halb über den nächsten Film nachdenkt, während man den vorigen noch gar nicht verdaut hat. In Venedig ist dieser Zustand jetzt erreicht. Die erste Hälfte der Mostra ist beinahe um, und wie immer zeigt sich erst nach ein paar Tagen, welche Filme sich wirklich festsetzen, welche bloß vom Premierenjubel getragen werden und welcher Titel einem womöglich noch Jahre später einfallen wird.

Bis hierhin lässt sich jedenfalls sagen: Das Festival hat schon jetzt fast alles geliefert. Es gab einen Film, der einem so vollkommen erscheint, dass man ihn am liebsten sofort mit jedem verfügbaren Preis auszeichnen würde. Es gab Wahnsinn in Bestform, großen Kinosound, eine Liebesgeschichte fürs Herz, einen erschütternden Antikriegsfilm – und natürlich jene Enttäuschung, die auf keinem größeren Festival fehlen darf, schon allein deshalb, damit man sich beim Abendessen gepflegt darüber aufregen kann.

Der perfekte Film: „Wild Horse Nine“

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen, oder besser: mit dem Film, der in einer gerechteren Welt ohne Jurys ganz einfach schon jetzt als Sieger feststünde. Martin McDonaghs „Wild Horse Nine“ ist bislang das Maß aller Dinge. So einen Film denkt man sich im Idealfall herbei, wenn man nach Venedig fährt: klug, böse, komisch, präzise, spannend – und dabei von einer Lust am Erzählen getragen, die man im sogenannten Qualitätskino manchmal schmerzlich vermisst.

John Malkovich und Sam Rockwell in WILD HORSE NINE. Foto: Searchlight Pictures/Diego Araya Corvalán, Courtesy of Searchlight Pictures

McDonagh ist freilich keiner, der sich je mit bloß solider Arbeit zufriedengegeben hätte. Seit „Brügge sehen … und sterben?“ weiß man, dass er aus den absurdesten Konstellationen eine ganz eigene Mischung aus Melancholie, rabenschwarzem Humor und erzählerischer Eleganz herstellen kann. „Wild Horse Nine“ treibt das noch einmal auf die Spitze. Der Plot ist so schön hirnrissig, dass man schon beim Nacherzählen grinsen muss: Chile, 1973, unmittelbar vor dem faschistischen Putsch, hinter dem in Wahrheit die USA steckten. Zwei CIA-Agenten werden auf die Osterinsel geschickt. Einer von ihnen ist todkrank – und plappert ständig Staatsgeheimnisse aus, ohne es zu wollen.

Das ist natürlich bereits eine glänzende Ausgangslage. Aber McDonagh belässt es nicht beim Einfall. Er macht daraus einen Film, der ständig die Tonlagen wechselt, ohne je aus dem Gleichgewicht zu geraten. Spannung ist da, Drama auch, und ganz nebenbei schiebt sich immer wieder historisches Wissen hinein, ohne dass der Film je belehrend würde. Vor allem aber schreibt McDonagh Dialoge, für die andere Autoren vermutlich ein ganzes Jahrzehnt bräuchten. Die Sätze sitzen, sie knallen, sie haben Witz und Gift und Präzision. Man hat das Gefühl, hier reichen die guten Dialoge tatsächlich für mindestens fünf Hollywood-Filme.

Und dann ist da John Malkovich. Was er mit dieser Figur anstellt, ist schlicht grandios. Er spielt diesen todkranken Agenten mit einer derartigen Mischung aus Tragik, Komik und fahrlässiger Eloquenz, dass man ihm am liebsten alle Preise der Welt hinterherwerfen möchte. Wenn das Festival bisher einen Gipfel hat, dann ist es dieser Film.

Der Wahnsinn des Festivals: „Ink“

Wenn Martin McDonagh die bisherige Krone des Festivals aufhat, dann darf Danny Boyle für den Adrenalinschub sorgen. „Ink“ ist der Wahnsinn dieser ersten Festivalhälfte – und das ist ausdrücklich als Kompliment gemeint.

„Ink“ von Danny Boyle (Foto: La Biennale di Venezia)

Vom „Trainspotting“-Erfinder erwartet man ohnehin nichts Halbes. Boyle ist keiner für gepflegte Zurückhaltung. Wenn er ein Thema anfasst, will er Bewegung, Energie, Überforderung, Furor. Diesmal nimmt er sich die Anfänge der Verrohung des Boulevardjournalismus in England 1969 vor. Rupert Murdoch kauft die Zeitung „The Sun“ und formuliert ein Programm, das so simpel wie folgenreich ist: rein in die Zeitung soll nur noch, was die Massen interessiert – Sex, Gewinnspiele, Wetter.

Das ist als Diagnose einer medialen Zeitenwende interessant genug. Boyle aber macht daraus keine brav abgefilmte Medienchronik, sondern eine regelrechte Attacke aufs Nervensystem. Das beginnt rasant, geht erst großartig auf und kippt dann gewaltig. Und genau dieses Kippen erzählt Boyle mit jener fiebrigen Energie, die sein Kino so unverwechselbar macht. Man sitzt da und staunt ein wenig, wie es ihm gelingt, aus Redaktionsräumen und Druckereien ein derartiges Bewegungskino zu machen. Zwei Stunden Action-Kino aus der Druckerei – auf die Idee muss man wirklich erst einmal kommen.

„Ink“ ist ein Film, der sich förmlich vorwärtswirft, atemlos, grell, laut, voll innerer Unruhe. Er zeigt nicht bloß, wie Boulevard funktioniert, sondern wie er beginnt, eine Gesellschaft im Ton zu verändern. Ein Ritt, ein Spektakel, eine Tour de Force.

Der Wohlfühlfilm der Saison: „It Will Happen Tonight“

Nach so viel Tempo und Zuspitzung tut es fast gut, dass Nanni Moretti mit „It Will Happen Tonight“ in ganz anderer Tonlage weiterspielt – und zwar so schön, dass man sich dem Charme kaum entziehen kann.

Die Geschichte klingt zunächst denkbar vertraut: Ein Mann liebt eine Frau, die sich nicht entscheiden kann, weil sie bereits ein schönes Leben hat. Erst in der allerletzten Szene fällt die Entscheidung darüber, wie das Schicksal der beiden ausgeht. Ja, das ist kein neuer Stoff. Das Kino hat solche Geschichten schon tausendfach erzählt. Aber eben noch nicht so wie hier.

„It Will Happen Tonight“ von Nanni Moretti. Foto: La Biennale di Venezia

Denn Moretti wäre nicht Moretti, würde er aus dieser Konstellation bloß Routine gewinnen. Er schickt Louis Garrel und Jasmine Trinca auf eine Reise, die Jahrzehnte umspannt, traumhaft schön aussieht und immer wieder auch tränenreich wird, ohne jemals ins Sentimentale abzugleiten. Dieser Film kann etwas, das im Festivalbetrieb keineswegs selbstverständlich ist: Er lässt das Publikum mitfühlen, ganz unmittelbar, ganz unironisch.

Das Schöne daran war nicht nur auf der Leinwand zu sehen, sondern auch danach. Bei Pressevorführungen, nach denen man üblicherweise eher gequält als verzückt aus dem Saal stolpert, und ebenso bei den Premieren, waren im Anschluss tatsächlich lächelnde, gerührte, glückliche Menschen zu sehen. Wer das jemals bei einem Festival beobachtet hat, weiß: Das ist nicht selbstverständlich. Moretti hat hier einen echten Wohlfühlfilm geschaffen – im besten Sinn des Wortes, nicht als Kleinigkeit, sondern als präzise gebaute, emotional kluge Kinoerfahrung.

Lauter, größer, glücklicher: „Oasis – Don’t Look Back in Anger“

Es gibt Filme, nach denen man still wird. Und es gibt Filme, nach denen man am liebsten schreien würde: Geht’s noch lauter? Nach „Oasis – Don’t Look Back in Anger“ ist Letzteres der Fall. Viel lauter und glückseligmachender wird es in diesem Festivalblock wohl kaum mehr.

Liam Gallagher bei der Premiere der Oasis-Doku am roten Teppich von Venedig. Foto: La Biennale di Venezia/Jacopo Salvi

Im Grunde weiß man natürlich, worum es geht. Nicht nur Oasis-Fans. Die ausverkaufte Tour der Band im letzten Jahr war überall Thema. Dass daraus irgendwann ein Film werden würde, durfte man erwarten. Und natürlich enthält er genau jene Zutaten, die dazugehören: die Proben, die Hits, die Fans. All das ist da. Aber entscheidend ist, wie der Film daraus etwas macht.

Denn er ist eben nicht nur ein pflichtschuldig zusammengeschnittenes Tourdokument. Er ist genial komponiert. Er zeigt die immer wieder ausrastenden Fans, dieses kollektive Aus-der-Haut-Fahren, das große Popmomente hervorrufen können. Gleichzeitig zeigt er die Musiker selbst, die es offenkundig kaum fassen können, dass ihre ja inzwischen wirklich nicht mehr junge Musik immer noch eine solche Wucht entfaltet. Und dann ist da natürlich jene Familien- und Bruderngeschichte, ohne die Oasis gar nicht zu denken sind: die über mehr als 15 Jahre hinweg zerstrittenen Gallagher-Brüder, die es am Ende tatsächlich schaffen, sich wieder zu versöhnen.

So wird aus einem Konzertfilm etwas deutlich Größeres. Ein Film über die Kraft von Musik, Menschen nicht nur zu unterhalten, sondern zu verbinden, Erinnerungen zu öffnen und vielleicht sogar heilend zu wirken. Ganz großer Film also – und einer, der seine Wirkung nicht erst erklären muss, weil man sie im Saal unmittelbar spürt.

Die größte Überraschung: „Mr. Nelson, Did You Kill People?“

Jedes Festival braucht jenen Film, der zunächst vielleicht nicht zu den meistdiskutierten Titeln gehört und dann plötzlich mit voller Wucht einschlägt. In Venedig ist das bislang Shinya Tsukamotos „Mr. Nelson, Did You Kill People?“.

Wenn in den Gesprächen danach Sätze fallen wie „Dagegen ist ,Platoon‘ ja der reine Kindergarten“, dann weiß man schon, dass man es hier nicht mit einem gefälligen Antikriegsfilm zu tun hat. Tsukamoto erzählt von Allen Nelson, den es tatsächlich gegeben hat: ein Mann, der im Vietnamkrieg war und das dort Erlebte nie verarbeiten konnte. Erst durch intensive, jahrelange Gespräche mit einem Therapeuten wurde ein Zugang zu diesem Trauma überhaupt möglich.

„Mr. Nelson, Did You Kill People?“ (Foto: La Biennale di Venezia)

Der Film selbst folgt dieser Bewegung. Zunächst zeigt Tsukamoto den Krieg als reinen Horror. Ohne Schonraum, ohne Verklärung, ohne jede Vorstellung von heroischer Pose. Danach wird der Film zunehmend ruhiger und besinnlicher. Gerade dadurch gewinnt er seine eigentliche Wucht, weil er nicht nur auf das Grauen blickt, sondern auf dessen Nachhall im Menschen.

Das macht „Mr. Nelson, Did You Kill People?“ zu einem sehr speziellen Antikriegsfilm, der nicht bloß das Schlachtfeld zeigt, sondern die lange, zähe Arbeit des Erinnerns und Verarbeitens. Rodney Hicks und Geoffrey Rush sind dabei wunderbar besetzt und tragen diese Geschichte mit jener Ernsthaftigkeit, die sie braucht. Eine Überraschung – und eine der stärksten Erfahrungen der bisherigen Festivalhälfte.

Und ja, auch das gehört dazu: die Enttäuschung „Possible Love“

Was wäre ein Festivalbericht ohne eine gepflegte Enttäuschung? Sie ist gewissermaßen das Salz in der cinephilen Suppe, der Gesprächsstoff für zwischendurch, das Werk, bei dem man hinterher nicht weiß, ob man sich mehr über den Film oder über seine vergeudete Zeit ärgern soll.

Diesmal trifft es Lee Chang-dong und seinen Film „Possible Love“. Das ist insofern bemerkenswert, als der Südkoreaner in gewissen Cineastenkreisen beinahe unantastbar ist. Besonders jene Kritiker, die zum Lachen bekanntlich gern in den Keller gehen, verehren ihn seit „Burning“ nahezu als Kino-Retter. Umso größer die Ernüchterung nun in Venedig.

Possible Love mit Sul Kyung-gu, Jeon Do-yeon, Cho Yeo-jeong, Zo In-sung (v.l.) Foto: Netflix

Im Zentrum steht eine vermögende Dokumentarfilm-Regisseurin, die einen Film über einen gescheiterten Arbeiter drehen möchte. Um an ihn und seine Welt heranzukommen, erschleicht sie sich Freundschaften, lügt und betrügt. Das klingt nach einer vielversprechenden, womöglich boshaften Konstellation. Und tatsächlich schwingt darin etwas mit, das man als Claude-Chabrol-Kopie bezeichnen kann – nur leider ohne dessen Eleganz und Biss.

Denn das Hauptproblem liegt letztlich nicht einmal nur darin, dass Lee seiner Geschichte die eigentlich fällige Konsequenz verweigert. Am Ende bekommt diese Figur eben nicht das, was sie eigentlich verdient. Schlimmer ist, dass der Film über weite Strecken langweilt. Und zwar massiv. Für dieses Nichts von einem Film nimmt sich Lee dann auch noch fast drei Stunden Zeit. Auf einem Festival, wo jeder Tag aus möglichst vielen Filmen zusammengedrückt wird, ist das eine Zumutung. Das Urteil fällt entsprechend harsch aus: vertane Lebenszeit.

Das Zwischenfazit: Venedig liefert

So steht die erste Hälfte dieser Mostra unter einem erfreulich vielseitigen Stern. Da ist ein nahezu perfekter Film von Martin McDonagh, der derzeit alles überstrahlt. Da ist Danny Boyles entfesselter Blick auf die Geburtsstunde eines hemmungslosen Boulevardjournalismus. Da ist Nanni Moretti mit einer Liebesgeschichte, die das Publikum tatsächlich sichtbar glücklich macht. Da ist Oasis in maximaler Lautstärke und mit maximaler emotionaler Wirkung. Da ist Shinya Tsukamoto mit einem Antikriegsfilm, der erschüttert und überrascht. Und da ist schließlich auch der große Name, der diesmal nicht liefert.

Mehr kann man von einer Festivalhalbzeit eigentlich kaum verlangen. Venedig hat in den ersten Tagen bereits genug Stoff geliefert für Debatten, Begeisterung, Ärger und jene euphorischen Übertreibungen, ohne die ein Filmfestival nur halb so schön wäre. Wenn die zweite Hälfte dieses Niveaus auch nur annähernd hält, wird man den Lido am Ende wieder mit jenem vertrauten Gefühl verlassen: zu müde, zu überreizt, ein wenig sonnenverbrannt – und sehr glücklich darüber, dass Kino so etwas noch immer kann.

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