Beobachtungen im Wettbewerb von Venedig: Von „NAZA“ bis „Woman Unknown“
Von Peter Beddies & Matthias Greuling
Die großen Filmfestivals leben von ihren Überraschungen, ihren Entdeckungen, aber mindestens ebenso sehr von jenen Filmen, an denen sich plötzlich alles entzündet. Ein Festival kann noch so sorgfältig kuratiert sein: Am Ende sind es oft einzelne Werke, die Debatten kapern, Tränen provozieren oder Ratlosigkeit hinterlassen. Auch in Venedig zeigt sich in diesem Jahr wieder, wie weit Kino auseinanderliegen kann: vom politisch explosiven Dokument des Gaza-Krieges über ein verdrängtes Kapitel dänischer Nachkriegsgeschichte und eine wunderbar zärtliche Hymne auf Freundschaft bis zu einem Starvehikel, bei dem selbst zwei der besten europäischen Schauspieler nicht verhindern können, dass das Drehbuch unter ihnen zusammenbricht.
Der Film mit dem meisten Sprengstoff: „NAZA“
Schon im vergangenen Jahr lagen am Lido die Nerven blank. Damals galt „The Voice of Hind Rajab“, der vom vollkommen sinnlosen Tod eines Mädchens im Gaza-Streifen erzählte, für viele als jener Film, der den Goldenen Löwen verdient hätte. Als die Auszeichnung schließlich nicht an dieses schwer bewegende Werk ging, sondern an Jim Jarmuschs mildes, sympathisches, aber eben auch ein wenig verzichtbares Alterswerk „Father…“, war die Enttäuschung entsprechend groß.
Nun ist der Gaza-Krieg wieder mit aller Wucht im Wettbewerb angekommen. „NAZA“ wurde erst in letzter Sekunde eingeladen – und der Film besitzt genug politischen und emotionalen Sprengstoff, um beinahe zwangsläufig zum Gesprächsthema des Festivals zu werden. Schon zu Beginn erklärt die Dokumentation ihren Titel: „Naza“ bezeichnet zivile Opfer, deren Tod bei einem militärischen Angriff in Kauf genommen wird. Der Begriff klingt technisch, beinahe steril. Der Film sorgt dafür, dass er das sehr schnell nicht mehr tut.
24 Israelis kommen zu Wort, allesamt Angehörige des Militärs, die von ihren Erfahrungen im Krieg berichten. Namen werden aus Sicherheitsgründen nicht genannt. Die Gespräche finden mitten in der Nacht auf einem Hausdach in Tel Aviv statt, selbst die Stimmen werden mithilfe künstlicher Intelligenz verfremdet. Menschen sprechen und sollen zugleich unsichtbar bleiben. Gerade diese Form verleiht dem Film etwas Gespenstisches: Da sitzen Personen im Dunkeln und erzählen von einer Kriegswirklichkeit, die sich jeder gewöhnlichen Vorstellung von Moral entzieht.

Besonders erschütternd sind jene Passagen, in denen über die Größenordnung ziviler Opfer gesprochen wird. Im Film ist davon die Rede, dass durchschnittlich mit bis zu 50 „Naza“, also 50 zivilen Toten, gerechnet werde, wenn mithilfe von Drohnen ein Hamas-Offizier ausgeschaltet werden soll. Andere Befragte berichten davon, dass Frauen und Kinder selbst bei der Ausgabe von Lebensmitteln erschossen worden seien. Und mehrfach fällt ein Vergleich, der einem noch lange nach dem Film im Kopf bleibt: Es habe sich angefühlt wie ein Videospiel.
Genau hier liegt die verstörende Kraft dieser knapp 80 Minuten. Krieg erscheint nicht als großes historisches Tableau und nicht als Abfolge strategischer Entscheidungen, sondern als System, in dem der Tod irgendwann zu einer Zahl auf einem Bildschirm werden kann. Menschen werden zu Punkten, Ziele zu Koordinaten, zivile Opfer zur einkalkulierten Größe. „NAZA“ erzählt von schreiendem Unrecht und von jener Abstumpfung, ohne die sich ein Krieg vermutlich gar nicht führen lässt.
Und doch bleibt eine Frage, die man gerade bei einem derart politisch aufgeladenen Film stellen muss: Stimmt das alles? Wir sehen und hören nur eine Seite. Die britische Zeitung „The Guardian“ habe, so wird erklärt, die Recherche über Monate begleitet und überprüft. Trotzdem bleibt jene Skepsis zurück, die bei jedem Film über einen noch andauernden Krieg angebracht ist. Damit tut man den Filmemachern womöglich Unrecht. Aber Kriege werden nicht nur mit Bomben, Raketen und Drohnen geführt, sondern immer auch mit Bildern, Erzählungen und Behauptungen. Propaganda gehört seit jeher zum Arsenal. Und gelogen wird im Krieg auf allen Seiten – vor allem dann, wenn die Lüge der eigenen Sache dient.
„NAZA“ ist ein Film, über den diskutiert werden muss. Nicht, weil man nach 80 Minuten plötzlich alle Antworten hätte. Sondern weil man danach noch viel mehr Fragen hat.
Der weibliche Blick im Wettbewerb: „Woman Unknown“
Apropos Lügen. Auch in „Woman Unknown“, dem neuen Film der Dänin May el-Toukhy, wird fortwährend an der Wahrheit vorbeigeredet. Nur geschieht das hier nicht im Nebel eines aktuellen Krieges, sondern im Schatten eines gerade beendeten.
Dänemark nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die deutsche Besatzung ist vorbei, jetzt beginnt das große gesellschaftliche Aufräumen. Wer hat in den vergangenen Jahren mit den Deutschen gemeinsame Sache gemacht? Wer hat profitiert, wer kollaboriert, wer sich arrangiert? Und vor allem: Wer soll dafür bezahlen?

Besonders sichtbar trifft der Zorn die Frauen. Jene, denen Beziehungen zu deutschen Soldaten vorgeworfen werden, werden öffentlich beschimpft, gedemütigt und gebrandmarkt. Es ist die Stunde der nachträglichen moralischen Gewissheit: Plötzlich scheint jeder ganz genau zu wissen, wer während der Besatzung auf der richtigen und wer auf der falschen Seite gestanden hat.
Mittendrin befindet sich Marie. Und Marie ist erstaunlich schnell dabei, den Verdacht auf andere zu lenken. Hier könne etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, dort müsse man doch genauer hinsehen. Sie beobachtet, deutet, beschuldigt – und je länger man ihr dabei zusieht, desto deutlicher wird, dass hinter dieser demonstrativen Wachsamkeit vor allem eines steckt: Angst.
Denn Marie besitzt selbst ein Geheimnis. Eines, das unter keinen Umständen ans Licht kommen darf.
May el-Toukhy macht aus dieser Ausgangslage keinen gewöhnlichen historischen Enthüllungskrimi. Viel spannender ist für sie der Preis, den Marie für ihre Tarnung bezahlen muss. Zunächst gelingt ihr eine Finte nach der anderen. Sie findet Auswege, erfindet neue Versionen ihrer selbst, passt sich an, schweigt, wenn sie schweigen muss, und spricht, wenn ein neues Ablenkungsmanöver notwendig wird. Nur wird der Raum, in dem sie sich bewegen kann, mit jeder gelungenen Lüge kleiner.
Marie rettet ihre gesellschaftliche Existenz und verliert dabei Stück für Stück sich selbst.
Genau darin liegt die große Stärke von „Woman Unknown“. Der Film erzählt nicht einfach von Schuld und Unschuld, sondern davon, was eine Gesellschaft mit Menschen macht, sobald sie ihre Vergangenheit möglichst rasch in eindeutige Kategorien sortieren möchte. Täter hier, Opfer dort. Widerstandskämpfer hier, Kollaborateure dort. Doch die Wirklichkeit war komplizierter – und Frauen wurden nach dem Krieg auf eine ganz andere Weise zur Rechenschaft gezogen als Männer.
El-Toukhy interessiert sich dabei besonders für den weiblichen Körper als öffentliche Projektionsfläche. Während wirtschaftliche oder politische Zusammenarbeit mit den Besatzern irgendwann pragmatisch neu bewertet werden konnte, blieb die vermeintliche sexuelle „Kollaboration“ sichtbar am Körper der Frauen hängen. Sie wurden gedemütigt, vorgeführt und über Jahre stigmatisiert.
„Woman Unknown“ erzählt diese Geschichte mit bemerkenswerter Konsequenz aus Maries Perspektive. Je verzweifelter sie versucht, ihre Vergangenheit loszuwerden, desto fester kettet sie sich an sie. Was als Überlebensstrategie beginnt, wird langsam zum selbst gebauten Gefängnis. Bis von der Frau, die sich retten wollte, beinahe nichts mehr übrig ist.
Ein starker Historienfilm über ein Kapitel der dänischen Geschichte, das lange verdrängt wurde – und über die unangenehme Erkenntnis, dass Gesellschaften ihre Vergangenheit gerne dort vereinfachen, wo die Wahrheit besonders unbequem wird.
Der tränenreichste Film: „Look Back“
Und dann kommt Hirokazu Koreeda.
Eigentlich müsste man nach all den Filmen, die dieser Mann bereits gedreht hat, wissen, was einen erwartet. Und trotzdem erwischt er einen immer wieder. Egal, welches Thema Koreeda anfasst: Am Ende steht man da, ein wenig sprachlos, merkwürdig glücklich und meistens emotional wehrlos. „Look Back“ macht da keine Ausnahme.

Diesmal führt ihn seine Geschichte in die Welt der Manga, des japanischen Comic-Universums. Im Mittelpunkt stehen zwei Mädchen, die durch eine gemeinsame Leidenschaft zueinanderfinden: Sie zeichnen Comics. Nicht einmal, nicht als kurze Laune, sondern mit jener Hartnäckigkeit, die irgendwann aus einem Hobby eine Lebensform macht.
Jahr für Jahr sitzen sie da und zeichnen. Die Stifte rascheln über das Papier, Linien entstehen, Figuren bekommen Gesichter, Geschichten nehmen Form an. Es ist eines der schönsten Motive des Films: Kreativität nicht als plötzlichen genialischen Einfall zu zeigen, sondern als Arbeit. Als Wiederholung. Als Geduld. Als hundertfachen Versuch, bis eine Linie endlich dort sitzt, wo sie hingehört.
Die beiden werden besser. Und älter. Und irgendwann führt das Leben sie auseinander.
Dann geschieht eine Tragödie.
Mehr sollte man über die Handlung gar nicht verraten, denn Koreeda entwickelt aus dieser zunächst so leichten Geschichte eine immer tiefere Meditation über Freundschaft, Verlust und darüber, was es bedeutet, etwas zu erschaffen. In einer Anime-Passage, die an die poetische Fantasie des Studio Ghibli erinnert, finden die beiden Mädchen noch einmal auf eine Weise zueinander, die sich jeder nüchternen Realität entzieht – und gerade deshalb emotional vollkommen richtig anfühlt.
Koreeda filmt beziehungsweise erzählt diese Freundschaft mit jener Zärtlichkeit, die zu seinem Markenzeichen geworden ist. Nie drückt er auf die Tränendrüse, nie fordert er Gefühle ein. Er schafft vielmehr Situationen, in denen sie plötzlich einfach da sind.
Und dann laufen die Tränen.
„Look Back“ ist eine Liebeserklärung an Freundschaft, aber ebenso an die Kunst selbst: an das Zeichnen, an die Fantasie, an die Möglichkeit, in erfundenen Bildern etwas zu bewahren, das im wirklichen Leben verloren gegangen ist. Vor allem aber ist der Film ein Appell, nicht aufzuhören. Weiterzuzeichnen. Weiterzumachen. Nicht den Glauben an sich selbst aufzugeben, nur weil das Leben manchmal brutaler zuschlägt, als irgendeine Geschichte es dürfte.
Bei keinem Film dieses Festivals wurde so hemmungslos geweint. Und selten waren diese Tränen so gut investiert.
Zwei Stars ergeben noch keinen guten Film: „Der Bunker“
Und schließlich gibt es jene Filme, bei denen auf dem Papier eigentlich überhaupt nichts schiefgehen dürfte.
Javier Bardem und Penélope Cruz spielen ein Ehepaar. Regie führt Florian Zeller, der mit „The Father“ bereits gezeigt hat, wie präzise und verstörend er ein Kammerspiel inszenieren kann. Zwei Weltstars also, ein renommierter Regisseur – was soll da passieren?
Leider ziemlich viel.

„Der Bunker“ beginnt dabei sogar mit einer hübsch zeitgemäßen Idee. Ein berühmter Architekt erhält von einem Tech-Milliardär einen äußerst lukrativen Auftrag: Er soll einen Bunker bauen, in dem sein Auftraggeber den Weltuntergang überleben kann. Die Superreichen planen eben auch für die Apokalypse, vorausgesetzt, die Ausstattung stimmt.
Die Ehefrau des Architekten hält die ganze Sache für vollkommen verrückt. Mehr noch: Durch den Auftrag beginnt sie ihren Mann mit anderen Augen zu sehen. Plötzlich stellt sie fest, dass sie diesen Menschen, mit dem sie ihr Leben teilt, vielleicht gar nicht mehr wirklich kennt. Dass seine Bereitschaft, dieses Projekt anzunehmen, etwas über ihn verrät, das sie lieber nicht erfahren hätte. Und dass sie womöglich überhaupt nicht mehr sicher ist, ob sie mit ihm weiterleben möchte.
Daraus ließe sich einiges machen: eine bitterböse Satire über die Hybris der Milliardäre, ein Ehedrama, eine Geschichte über moralische Käuflichkeit oder schlicht ein elegantes Kammerspiel über zwei Menschen, die feststellen, wie wenig sie voneinander wissen.
Nur entscheidet sich „Der Bunker“ irgendwann dafür, all diese Möglichkeiten liegenzulassen.
Der Architekt schlägt den Auftrag schließlich aus und versucht seine Ehe mit einem Brief zu retten, der klingt, als sei er direkt aus der Abteilung „Poesiealbum und Lebensweisheiten“ geliefert worden. Er werde ein besserer Mensch werden. Er habe verstanden. Man kennt das.
Javier Bardem spielt das alles mit jener soliden Präsenz, die man von ihm erwarten darf. Penélope Cruz dagegen wird von ihrer Rolle sträflich unterfordert. Eine Schauspielerin dieser Klasse bekommt schlicht zu wenig Material, mit dem sie tatsächlich arbeiten könnte.
Das größte Problem ist jedoch das Drehbuch. Es zwingt seine Figuren von einem Logikloch ins nächste und verlangt dabei ständig, dass man ihre Entscheidungen trotzdem ernst nimmt. Je länger der Film dauert, desto stärker bekommt man den Eindruck, dass hier keine Menschen handeln, sondern Figuren genau das tun müssen, was das Drehbuch gerade für die nächste Szene benötigt.
Bis zum Ende.
Und dieses Ende ist so bemüht auf Bedeutung, so demonstrativ auf große Emotion und Erkenntnis getrimmt, dass es schließlich unfreiwillig komisch wird.
Die banalste, aber gelegentlich notwendige Erkenntnis eines Filmfestivals: Zwei große Stars machen noch keinen großen Film. Nicht einmal zwei wirklich wunderbare Schauspieler können ein Drehbuch retten, das ihnen permanent den Boden unter den Füßen wegzieht.
Bardem und Cruz hätten Besseres verdient. Das Publikum übrigens auch.
