Die 64. Viennale ist eröffnet: Mit prominenten Gästen, einem ungewöhnlichen Kurzfilm und einer ausgelassenen Feier im Wiener Rathaus startete Österreichs größtes Filmfestival in seine diesjährige Ausgabe. Bis 3. November stehen internationale Stars, große Autorenfilmer und bemerkenswert viel österreichisches Kino auf dem Programm.
Von Matthias Greuling, Katharina Sartena

Wien hat wieder seine schönste cineastische Jahreszeit ausgerufen. Zur Eröffnung der 64. Viennale am 22. Oktober wurde das Gartenbaukino zum Treffpunkt der heimischen und internationalen Filmszene. Festivaldirektorin Eva Sangiorgi durfte dabei eine illustre Gästeschar begrüßen, die bewies, dass sich das Wiener Filmfestival längst nicht nur mit seinem anspruchsvollen Programm, sondern auch mit beträchtlicher Prominenz schmücken kann. Allen voran Lars Eidinger, der sich in Wien mittlerweile beinahe wie ein Stammgast bewegt, und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky. Auch Mavie Hörbiger ließ sich den Auftakt nicht entgehen. Ulrich Seidl war ebenfalls unter den Premierengästen.

Einen besonders herzlichen Empfang erhielt Christian Petzold. Der deutsche Autorenfilmer, dessen Werke seit Jahren zum bevorzugten Repertoire der Viennale gehören, ist seit 2025 auch Präsident des Festivals und damit gewissermaßen dessen prominentester institutioneller Fürsprecher. Politische Präsenz zeigte Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler, der sich sichtlich filmbegeistert unter die Gäste mischte. Dass die Politik bei solchen Anlässen gerne ihre Verbundenheit mit der Kultur demonstriert, gehört zum Ritual. An diesem Abend allerdings stand unverkennbar die Freude am Kino im Vordergrund.
Für die künstlerische Überraschung sorgte schon die Wahl des Eröffnungsfilms. Statt eines glamourösen Spielfilms mit internationaler Starbesetzung präsentierte Sangiorgi den gerade einmal 21 Minuten langen Experimentalfilm „Forever…Forever“ des österreichischen Filmemachers Johann Lurf. Dessen im monumentalen 70-Millimeter-Format gezeigtes Werk beobachtet den Stausee Ottenstein im Waldviertel über 22 Monate hinweg, durch wechselnde Jahreszeiten, Lichtstimmungen und Wetterlagen. Eine radikale Entscheidung, die vor allem eines demonstrierte: Die Viennale nimmt die Kunst des Kinos wichtiger als dessen Vermarktungsmaschinerie. Musikalisch bereicherte Dorian Concept den Eröffnungsabend.

Das anschließende gesellschaftliche Finale fand im Wiener Rathaus statt. Dort wich die konzentrierte Aufmerksamkeit des Kinosaals einer ausgelassenen Feststimmung. Zwischen Filmschaffenden, Kulturprominenz und Politik wurde geplaudert, gefeiert und auf die kommenden Festivaltage angestoßen. Die Viennale bewies damit einmal mehr, dass sich cineastischer Ernst und gesellschaftliches Vergnügen keineswegs ausschließen müssen.
Und tatsächlich bietet das Festival bis zum 3. November reichlich Anlass zur Vorfreude. Zu den prominentesten Gästen zählt Isabelle Huppert, die gleich mit zwei Filmen vertreten ist. Besonders gespannt erwartet wird Ulrike Ottingers extravagant-bizarrer Wien-Film „Die Blutgräfin“, in dem Huppert an der Seite von Birgit Minichmayr eine vampirische Aristokratin verkörpert. Auch Lars Eidinger gehört zum Ensemble. Internationales Festivalkino versprechen Cristian Mungius Cannes-Sieger „Fjord“, May el-Toukhys Venedig-Gewinner „Woman Unknown“ und Andrei Swjaginzews „Minotaur“. Dazu kommen Werke von James Gray, Ryusuke Hamaguchi und Asghar Farhadi.

Das österreichische Kino ist heuer ungewöhnlich stark vertreten. Sandra Wollners „Everytime“, Sebastian Brameshubers „London“ und der Film „Eternity“ über die radikale Performancekünstlerin Florentina Holzinger gehören zu den besonderen Programmpunkten. Filmhistorisch bietet die große Robert-Aldrich-Retrospektive Gelegenheit, Klassiker wie „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ wieder auf der Leinwand zu erleben. Und wer nach den Vorstellungen noch nicht nach Hause möchte, findet in der Festivalzentrale im Funkhaus Konzerte, Gespräche und Partys – unter anderem mit Lars Eidinger als DJ.
Den Schlusspunkt setzt am 3. November abermals ein österreichischer Film: „Wiener Blues: The Loneliest Man in Town“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel, ein Porträt des Wiener Bluesmusikers Al Cook. Bis dahin darf Wien wieder für knapp zwei Wochen jene internationale Filmmetropole sein, die es sich den Rest des Jahres über so gerne wünscht.
Infos und Karten: www.viennale.at
Unsere celluloid-Sonderausgabe zur Viennale gibt es hier als e-Paper: https://www.kiosk.at/web/de/ausgabe/ECELLULO/20261019
