Das Haus, in dem die Geschichte wohnt

Volker Schlöndorff ist wieder in Cannes. Mit einem Stoff, der fast exemplarisch zu seinem Kino passt: „Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte“, nach dem Roman von Jenny Erpenbeck. Ein Haus an einem märkischen See wird darin zum stillen Zeugen deutscher Geschichte, zum Ort von Besitz und Verlust, Vertreibung und Erinnerung, Verdrängung und Wiederkehr.

Von Matthias Greuling, Cannes

Schlöndorff ist nicht hier, um sich noch einmal bestätigen zu lassen. Die großen Rituale kennt er längst: roter Teppich, Wettbewerb, Empörung, Applaus, Preise. Der frühere Festivalchef Gilles Jacob habe ihm, erzählt Schlöndorff, sinngemäß geraten: „Geh hin und hab Spaß.“ Und dann, fast wie eine Entlastung: „Du hast die Palme schon.“ Bei einem wie ihm klingt das weniger nach Ruhestand als nach Aufforderung, sich nicht mehr von der eigenen Legende einschüchtern zu lassen.

Diese Legende ist eng mit Cannes verbunden. 1966 wurde hier „Der junge Törless“ gezeigt, seine Robert-Musil-Verfilmung über Grausamkeit, Autorität und die Erziehung zum Gehorsam. Der Skandal folgte prompt. Während der Vorführung soll ein deutscher Kulturattaché erbost aus dem Saal gestürmt sein und gerufen haben: „Das ist kein deutscher Film!“ Schlöndorff erinnert sich daran mit trockenem Vergnügen. „Für die Publicity hätte ich mir nichts Besseres wünschen können.“

Man könnte dieses Wiedersehen mit Cannes also als Heimkehr erzählen. Doch Schlöndorff ist kein Mann, der sich bequem in die eigene Legende setzt. Er spricht lieber über Filme als über Denkmäler, lieber über Arbeit als über Status. Und über das, was sich nicht erledigt hat: Geschichte, Gewalt, Verantwortung, die Frage, wie Menschen handeln, wenn die Verhältnisse sie bedrängen.

Später wurde Cannes zum Ort seines größten Triumphs. 1979 gewann „Die Blechtrommel“, Schlöndorffs Verfilmung von Günter Grass’ Roman, die Goldene Palme, gemeinsam mit Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“. Zwei Filme, zwei historische Albträume: deutsche Vergangenheit und amerikanischer Krieg. Für Schlöndorff wurde dieser Sieg Auszeichnung und Stempel zugleich. Wer einmal mit einem Jahrhundertroman Weltruhm erlangt hat, wird an solchen Momenten gemessen, ob er will oder nicht.

Schlöndorff selbst klingt dabei nicht triumphal. Eher nüchtern, fast handwerklich. „Man investiert denselben Enthusiasmus, dieselbe Energie in jeden Film“, sagt er. „Und trotzdem bekommt man manchmal den Preis — und manchmal nicht.“ Das ist kein Klagen. Es ist die Erfahrung eines Regisseurs, der weiß, dass Festivalgeschichte aus Glück, Timing, Missverständnissen und gelegentlichen Wundern besteht.

Gerade deshalb wirkt „Heimsuchung“ wie eine bewusste Rückkehr — nicht in die eigene Legende, sondern zu einer Form des Erzählens, die Schlöndorff immer interessiert hat. Wieder Literatur. Wieder deutsche Geschichte. Wieder ein Stoff, in dem das Private vom Politischen durchdrungen wird. Doch der Blick hat sich verändert. „Heimsuchung“ erzählt nicht von einem einzelnen Helden, nicht von einer großen Tat, nicht von einem klar umrissenen moralischen Konflikt. Im Zentrum steht ein Ort: ein Haus, seine Zimmer, sein Ufer, seine Bewohner. Die Geschichte zieht durch dieses Haus hindurch.

Jenny Erpenbecks Roman ist ein Buch über Schichten. Über Menschen, die glauben, anzukommen, und doch nur für eine Zeit bleiben. Über Eigentum, das nie unschuldig ist. Über Landschaften, in denen sich Gewalt nicht immer laut bemerkbar macht. Schlöndorff macht daraus kein Museum deutscher Katastrophen, sondern ein Kammerspiel der historischen Spuren. Das Haus bleibt, während die Menschen wechseln: Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Krieg, sowjetische Besatzung, DDR, Wendezeit. Ein Jahrhundert verdichtet sich in einem begrenzten Raum.

Damit knüpft der Film an zentrale Linien seines Werks an. Schlöndorffs Kino hat immer wieder gezeigt, wie Geschichte in Körper, Familien, Häuser und Biografien eindringt. „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ erzählte von Medienmacht und politischer Hysterie. „Coup de Grâce“ von Ideologie, Begehren und Bürgerkrieg. „Der neunte Tag“ von Schuld und Gewissensnot unter dem Nationalsozialismus. „Diplomatie“ von Entscheidung und Verantwortung im Schatten der Zerstörung. Schlöndorff interessiert sich für Figuren, die in Situationen geraten, in denen Neutralität unmöglich wird.

In „Heimsuchung“ ist diese Situation größer als eine einzelne Figur. Sie liegt im Ort selbst. Das Haus ist Schutzraum und Projektionsfläche, Besitz und Sehnsucht, Zuflucht und Beute. Wer darin wohnt, glaubt vielleicht, ein Stück Welt für sich zu haben. Doch die Welt bleibt nicht draußen. Sie kommt über Gesetze, Kriege, Enteignungen, Vertreibungen, Familiengeschichten. Sie schreibt sich ein in Wände, Gärten, Wege zum See.

Das ist der eigentliche politische Kern des Films: Geschichte geschieht nicht nur in Hauptstädten, Parlamenten und Schlachtfeldern. Sie geschieht auch dort, wo jemand ein Fenster öffnet, einen Garten anlegt, einen Schlüssel weitergibt, verschwindet oder zurückkehrt. Schlöndorff hat für solche Übergänge immer einen Blick gehabt. Seine besten Filme zeigen das Politische nicht als Parole, sondern als Zumutung des Alltags.

Dass er dafür wieder zu einer literarischen Vorlage greift, ist folgerichtig. Musil, Böll, Grass, Frisch, Proust, Miller — Schlöndorffs Filmografie ist auch eine Geschichte des Umgangs mit Literatur. Er hat Texte nicht ehrfürchtig abgefilmt, sondern auf ihre Gegenwart hin geprüft. Was brennt noch? Welche Frage lässt sich neu stellen? Bei Erpenbeck ist es die Frage nach Heimat, Erinnerung und historischer Verantwortung. Nicht als abstrakter Begriff, sondern als Erfahrung: Wer darf bleiben? Wer wird vertrieben? Wem gehört ein Ort? Und was bedeutet es, wenn ein Haus länger lebt als seine Bewohner?

Auch deshalb wäre es falsch, „Heimsuchung“ als nostalgisches Alterswerk zu beschreiben. Der Film blickt zurück, aber nicht beruhigt. Er sucht keine Versöhnung, wo Widerspruch bleibt. Er betrachtet ein Jahrhundert nicht als abgeschlossenes Kapitel, sondern als etwas, das weiterarbeitet. In der Landschaft, in den Familien, in den Dingen, die nicht ausgesprochen wurden.

Reue? So einfach ist es bei Schlöndorff nicht. Er wirkt nicht wie jemand, der jedes Werk verteidigen oder jede Entscheidung verklären müsste. Einige seiner Filme seien vergessen worden, sagt er. „Vielleicht zu Recht. Vielleicht auch nicht.“ In diesem Satz liegt viel von seiner Haltung: keine falsche Demut, kein spätes Selbstgericht, aber auch keine Eitelkeit des Unfehlbaren. Ein Künstlerleben besteht aus Treffern, Irrtümern, Umwegen, falschen Zeitpunkten und gelegentlichen Momenten, in denen alles zusammenkommt.

Schlöndorff kommt damit nicht als Denkmal nach Cannes zurück, sondern als Regisseur, der noch einmal einen großen Stoff riskiert. Es geht nicht darum, sich bestätigen zu lassen. Dafür ist seine Geschichte mit dem Festival längst zu lang. Es geht eher um eine erneute Prüfung: Was kann Kino aus Literatur machen? Wie lässt sich deutsche Geschichte erzählen, ohne sie zu erklären? Wie zeigt man Erinnerung, ohne sie in Thesen zu verwandeln?

Vielleicht liegt gerade darin die Aktualität von „Heimsuchung“. Der Film erzählt von einem Haus, aber meint mehr als Architektur. Er erzählt von Herkunft, aber nicht als Besitzurkunde. Er erzählt von Deutschland, aber nicht als fertige Erzählung. Das Haus am See wird zum Speicher eines Jahrhunderts, und Schlöndorff zum Chronisten jener leisen Erschütterungen, in denen Geschichte sich festsetzt.

Cannes ist dafür ein passender Ort. Hier wurde Schlöndorff früh sichtbar, hier wurde er ausgezeichnet, hier wird er nun wieder gelesen: nicht nur als Veteran des Neuen Deutschen Kinos, sondern als Filmemacher, der noch immer an die Reibung zwischen Vergangenheit und Gegenwart glaubt. „Geh hin und hab Spaß“, hatte Gilles Jacob gesagt. Schlöndorff hat den Rat angenommen. Nur bedeutet Spaß bei ihm nie bloß Zerstreuung. Er bringt die Vergangenheit mit, die Filme, die Skandale, die Palme — und nun „Heimsuchung“, einen Film über ein Haus, das alles gesehen hat und dennoch stehen bleibt.

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